Jemand zugestiegen?

Spiekers Corner

Fängt an wie ein Märchen, ist aber eine wahre, wenig märchenhafte Geschichte – wirklich. Es war einmal ein behinderter Reisender. Seine Intercity-Fahrkarte kaufte er häufig im Zug. Meist musste er dann den sogenannten Bordpreis bezahlen. Das ärgerte ihn. Aber er nahm die zehn Prozent Aufschlag in Kauf. Bis ihn ein freundlicher Schaffner darauf hinwies, dass er als Behinderter doch von der Aufpreispflicht befreit sei.

24. Februar 2010

Die Schaffnerin auf der Rückfahrt verlangte den niedrigeren Normalpreis, gab aber zu bedenken: »Eigentlich sind nur Blinde befreit.« Das bestätigte nach halbstündiger Recherche auch der Mann am DB-Serviceschalter im großen Bahnhof: »Wenn Ihnen jemand etwas anderes gesagt hat, dann hat er ihnen etwas Falsches gesagt.« Zuvor allerdings hatte er selber noch erklärt, dass Reisende ab einem Behinderungsgrad von 50 Prozent nur den Normalpreis zahlen müssten. Alles klar? Wohl kaum. Also rief der Reisende bei der Beschwerde-Hotline der Bahn an und fragte, ob das mit den 50 Prozent nicht doch gelte.

Nein, sagte die gestrenge Beschwerdedame. Das stehe in den Beförderungsbedingungen. Sie könne es aber auch vorlesen. Unter »Fahrkartenverkauf im Zug« fand die Beschwerdedame dann doch einen Passus, demzufolge alle Reisenden ab 50 Prozent Behinderung vom Bordpreis befreit sind. Um Klarheit zu bekommen, rief der Reisende schließlich bei der Pressestelle der Bahn an.

Behinderte seien grundsätzlich nicht von dem Aufschlag befreit, hieß es dort. Als der Reisende klagte, er habe jetzt schon mehrere Varianten der Wahrheit gehört, versprach sein Gesprächspartner, die wahre Wahrheit herauszufinden. Tage vergingen. Dann der Rückruf und diese Auskunft: Reisende ab 50 Prozent Behinderung zahlen nur den Normalpreis, wenn sie die Fahrkarte im Zug lösen. Das stehe eindeutig in den Beförderungsbedingungen. Was der Pressesprecher nicht wusste, erklärte schließlich eine Mitarbeiterin der Behindertenstelle der Bahn: Die Beförderungsbedingungen in diesem Punkt seien kürzlich geändert worden. »Viele Schaffner wissen das aber nicht«, klagte der Reisende. Ohne großen Erfolg. Zuviel gezahltes Geld, meinte die Behinderten-Fee, könne man sich ja problemlos am Schalter zurückholen. Wer vorher nicht zum Schalter gehen kann, muss es eben hinterher tun der Reisende hatte begriffen. Als er bei der folgenden Fahrt den Schaffner fragte, ob er überdieÄnderung der Bordpreis-Vorschriftinformiertwordensei, schüttelte der Mann mit der Mütze nur den Kopf und meinte resigniert: »Die aktuellen Angebote der Bahn finden wir zuerst in der Bild-Zeitung.« Ist noch jemand zu-, äh, durchgestiegen?

Erschienen in Ausgabe: 01/2010