Die Kommissionierung gilt oft als der teuerste und fehleranfälligste Prozess in der Lagerlogistik, da hier der menschliche Faktor und hohe Geschwindigkeitsanforderungen direkt aufeinandertreffen. Wer heute noch rein papierbasiert arbeitet, verschenkt oft Potenzial bei der Liefergeschwindigkeit und riskiert Retouren durch falsche Artikel. Die Wahl der richtigen Methode ist jedoch keine Frage von „modern gegen altmodisch“, sondern eine strategische Entscheidung, die exakt zu Ihrer Artikelstruktur, der Auftragsgröße und dem verfügbaren Budget passen muss.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Grundstrategie unterscheidet zwischen „Mann zur Ware“ (geringe Investition, flexibel) und „Ware zum Mann“ (hohe Effizienz, statisch).
- Digitale Hilfsmittel wie Scanner, Lichtsignale oder Sprachsteuerung senken die Fehlerquote drastisch im Vergleich zu Papierlisten.
- Die ideale Methode hängt weniger von Trends ab, sondern von Kennzahlen wie Pickfrequenz, Artikelgewicht und Sortimentsbreite.
Strategische Grundentscheidung: Mann zur Ware oder Ware zum Mann?
Bevor Sie sich mit Technologien wie Datenbrillen oder Sprachcomputern beschäftigen, müssen Sie das grundlegende logistische Prinzip festlegen. Bei der klassischen Methode „Mann zur Ware“ bewegt sich der Lagerist zu den Lagerplätzen, um die Artikel zu entnehmen, was zwar hohe Flexibilität bietet, aber durch lange Wegzeiten die Effizienz drückt. Dieses Prinzip eignet sich hervorragend für Lager mit geringem bis mittlerem Durchsatz oder sehr heterogenen Artikeln, da keine komplexe Fördertechnik installiert werden muss.
Das gegenteilige Prinzip „Ware zum Mann“ automatisiert den Transportweg: Behälter oder Paletten werden über Förderbänder oder Roboter direkt zu einem festen Arbeitsplatz gebracht, an dem der Mitarbeiter nur noch entnehmen muss. Die Vorteile liegen in einer extrem hohen Pickleistung und ergonomischen Arbeitsplätzen, doch die hohen Investitionskosten und die geringe Flexibilität bei Sortimentsänderungen machen dieses System vor allem für große Handelsunternehmen mit hohem Durchsatz und standardisierten Kleinteilen interessant.
Die Bandbreite der Kommissioniertechniken im direkten Vergleich
Sobald die strategische Ausrichtung steht, geht es um die konkrete Technik, die dem Mitarbeiter sagt, was er wo greifen soll. Die Technologien unterscheiden sich massiv in Investitionsbedarf, Einarbeitungszeit und Fehleranfälligkeit. Um eine fundierte Wahl zu treffen, hilft eine Einordnung der gängigen Verfahren nach ihrer primären Wirkungsweise und ihrem Einsatzgebiet.
Die folgende Übersicht zeigt die relevantesten Methoden, die wir in den nächsten Abschnitten hinsichtlich ihrer Praxistauglichkeit vertiefen werden:
- Pick-by-Paper: Die klassische Pickliste; günstig, aber langsam und fehleranfällig.
- Pick-by-Scan (MDE): Nutzung mobiler Datenerfassungsgeräte; der heutige Industriestandard für Prozesssicherheit.
- Pick-by-Voice: Sprachgeführte Anweisungen per Headset; ideal für Arbeiten, die beide Hände erfordern.
- Pick-by-Light: Lichtsignale am Regalfach; extrem schnell, aber unflexibel bei Layout-Änderungen.
- Pick-by-Vision: Datenbrillen mit Augmented Reality; visuelle Einblendung im Sichtfeld.
Der Standard: Warum Barcode-Scanner den Papierzettel ablösen
In vielen kleinen und mittelständischen Lagern ist Pick-by-Scan (oft mittels MDE-Geräten) mittlerweile der Standard, weil es das beste Verhältnis aus Kosten und Nutzen bietet. Der Mitarbeiter scannt den Lagerplatz und den Artikel, wodurch das System sofort eine Rückmeldung gibt, ob das richtige Produkt gegriffen wurde. Dieser Abgleich in Echtzeit eliminiert die typischen Lesefehler oder Zeilenverrutscher der Papierliste und ermöglicht eine direkte Bestandsaktualisierung im Warenwirtschaftssystem.
Allerdings hat die Scanner-Methode einen ergonomischen Nachteil: Der Mitarbeiter hat oft nur eine Hand frei, da er das Gerät halten oder bedienen muss, was bei schweren oder sperrigen Gütern hinderlich ist. Moderne Lösungen setzen daher zunehmend auf Wearables wie Ringscanner am Finger oder Handschuh-Scanner, um die Hände freizubekommen, ohne auf die hohe Prozesssicherheit der Barcode-Prüfung zu verzichten.
Hände frei für mehr Leistung: Wann lohnen sich Voice und Light?
Wenn Geschwindigkeit und Bewegungsfreiheit oberste Priorität haben, stoßen Scanner an ihre Grenzen, weshalb Methoden wie Pick-by-Voice ins Spiel kommen. Hier erhält der Kommissionierer seine Anweisungen über ein Headset und bestätigt Arbeitsschritte per Sprachbefehl, was beide Hände für das Greifen der Ware freilässt. Besonders im Tiefkühllager, wo Handschuhe die Bedienung von Tasten oder Touchscreens erschweren, oder bei schweren Bauteilen im Automotive-Sektor ist diese „Hands-free“-Arbeitsweise ein massiver Produktivitätshebel.
Pick-by-Light hingegen maximiert die Geschwindigkeit durch visuelle Signale direkt am Regalfach, die Menge und Entnahmeort anzeigen. Da der Mitarbeiter nicht auf ein Display schauen oder zuhören muss, sondern intuitiv dem Licht folgt, sind die Pickraten extrem hoch und die Anlernzeiten für neues Personal minimal. Der Nachteil ist die starre Infrastruktur: Ändert sich Ihr Lagerlayout oder die Fachgröße, müssen die Leisten physisch umgebaut werden, weshalb dieses System oft nur für Schnelldreher (A-Artikel) eingesetzt wird.
Auswahlkriterien: Wie Artikelstruktur und Schnelligkeit entscheiden
Die Entscheidung für ein System darf nicht isoliert getroffen werden, sondern muss sich an den spezifischen Eigenschaften Ihres Sortiments orientieren. Ein Online-Shop für Kleidung mit hoher Retourenquote und saisonalen Wechseln benötigt andere Verfahren als ein Ersatzteillager für den Maschinenbau, das tausende ähnliche Schrauben vorhält. Oft ist eine hybride Lösung sinnvoll, bei der Schnelldreher anders kommissioniert werden als Langsamdreher.
Prüfen Sie Ihr Lager anhand folgender Schlüsselfragen, um die Auswahl einzugrenzen:
- Artikelbeschaffenheit: Sind die Waren schwer, sperrig oder empfindlich? (Spricht für Hands-free wie Voice).
- Sortimentsdynamik: Wechseln Lagerplätze und Artikel oft? (Spricht gegen starre Systeme wie Light).
- Personalfluktuation: Setzen Sie viele Saisonkräfte ein? (Spricht für intuitive Systeme mit kurzer Anlernzeit wie Light oder Vision).
- Fehlertoleranz: Wie teuer ist eine Falschlieferung? (Spricht für Scan-Bestätigung).
Stolpersteine bei der Einführung neuer Systeme
Ein häufiger Fehler bei der Implementierung neuer Kommissioniermethoden ist die Unterschätzung der IT-Integration. Selbst das beste Pick-by-Voice-System nützt nichts, wenn die Schnittstelle zum Lagerverwaltungssystem (LVS) hakt oder Daten nur zeitverzögert übertragen werden. Die technische Hardware ist oft der einfachere Teil; die saubere Abbildung der Prozesse in der Software und die Echtzeit-Synchronisation der Bestände sind die eigentlichen Hürden, die Projekte verzögern können.
Zudem wird oft der Faktor Mensch vernachlässigt: Mitarbeiter, die jahrelang mit Listen gearbeitet haben, empfinden die Überwachung durch digitale Systeme oder das ständige Tragen eines Headsets teils als Belastung. Eine frühzeitige Einbindung des Personals und Testphasen mit verschiedenen Gerätetypen (z. B. unterschiedliche Headsets oder Scanner-Modelle) erhöhen die Akzeptanz drastisch und verhindern, dass teure Anschaffungen später boykottiert oder falsch bedient werden.
Fazit und Ausblick: Die Zukunft liegt in der hybriden Kommissionierung
Es gibt nicht „die eine“ beste Kommissioniermethode, sondern nur die passende Lösung für Ihren spezifischen Prozessabschnitt. Während die Vollautomatisierung mittels Robotik rasant fortschreitet, bleiben für den Mittelstand assistierende Systeme wie Pick-by-Scan oder Pick-by-Voice auf absehbare Zeit das Rückgrat der Logistik. Sie bieten den nötigen Kompromiss aus Investitionssicherheit und Leistungssteigerung.
In Zukunft werden Technologien stärker verschmelzen: Datenbrillen werden leichter und leistungsfähiger, und mobile Roboter (AMR) werden zunehmend die Laufwege der Mitarbeiter übernehmen, während der Mensch weiterhin den komplexen Griff in die Kiste ausführt. Wer heute in saubere digitale Prozesse und eine flexible Lagerverwaltungssoftware investiert, schafft die Basis, um diese hybriden Technologien später nahtlos andocken zu können.