Wer lange Güter wie Holzlatten, Stahlprofile oder Kunststoffrohre effizient lagern möchte, stößt bei klassischen Palettenregalen schnell an physikalische und logistische Grenzen. Das Hantieren mit Überlängen in Standardfächern ist nicht nur raubt Platz, sondern erhöht auch das Risiko für Materialschäden und Arbeitsunfälle signifikant. Kragarmregale gelten hier als der Goldstandard in der Lagerlogistik, da sie speziell für sperrige Lasten ohne störende Frontstützen konzipiert sind.
Das Wichtigste in Kürze
- Kragarmregale bieten durch den Verzicht auf vordere Stützen eine durchgehende Lagerfläche, was den Zugriff auf Langgut und Plattenware massiv beschleunigt.
- Die Auswahl des richtigen Systems hängt primär vom Lastschwerpunkt, der erforderlichen Armlänge und dem eingesetzten Flurförderzeug ab.
- Für den Außenbereich sind feuerverzinkte Varianten mit optionalen Dächern notwendig, wobei hier zusätzliche Wind- und Schneelasten in die Statik einfließen müssen.
Das Konstruktionsprinzip hinter Kragarmregalen verstehen
Im Gegensatz zum Fachboden- oder Palettenregal besteht ein Kragarmregal aus massiven, vertikalen Stützen, an denen horizontale Ausleger – die sogenannten Kragarme – befestigt sind. Diese Arme ragen frei in den Raum und werden nicht durch vordere Pfosten abgestützt, wodurch eine ununterbrochene Lagerbene über die gesamte Regallänge entsteht. Diese Bauweise ermöglicht es Staplerfahrern, extrem lange Güter ohne kompliziertes Einfädeln zwischen Pfosten abzulegen, was die Ein- und Auslagerungszeiten drastisch reduziert.
Die Stabilität des Systems wird durch schwere Stahlfüße gewährleistet, die fest mit dem Hallenboden verdübelt sind und die enormen Hebelkräfte der beladenen Arme aufnehmen. Rückseitige Kreuzverbände verbinden die Ständer miteinander und sorgen für die nötige Längsaussteifung, damit das Regal auch bei einseitiger Beladung oder dynamischen Kräften beim Beladen sicher steht. Je nach Anforderung können diese Regale einseitig an einer Wand oder doppelseitig freistehend im Raum genutzt werden, um die Lagerkapazität auf derselben Grundfläche zu verdoppeln.
Bauarten und Ausstattungsvarianten im Überblick
Da „Langgut“ ein breiter Begriff ist, variieren die Regalsysteme stark in ihrer Belastbarkeit und Ausführung. Bevor Sie sich für ein Modell entscheiden, sollten Sie die grundlegenden Kategorien kennen, um Fehlkäufe zu vermeiden. Diese Unterscheidung hilft Ihnen, das System exakt auf Ihr Lagergut abzustimmen:
- Leichte Kragarmregale: Ideal für Handwerksbetriebe, Tischlereien oder den manuellen Zugriff. Geeignet für Alupofile, Leisten oder leichte Rohre.
- Mittelschwere bis schwere Ausführungen: Konzipiert für die Bestückung mit Gabelstaplern. Tragen massive Stahlträger, schweres Bauholz oder Steinplatten.
- Steck- vs. Schraubsysteme: Gestatten eine flexible Höhenverstellung der Arme im Raster, um auf wechselndes Sortiment zu reagieren.
- Fest verschweißte Arme: Bieten maximale Robustheit bei extremen Lasten, sind aber in der Fachebene nicht veränderbar.
- Abrollsicherungen: Aufsteckbare oder integrierte Dorne am Armende, die verhindern, dass runde Güter (Rohre) herausrollen.
Die richtige Dimensionierung der Kragarme berechnen
Ein häufiger Planungsfehler ist die reine Fokussierung auf die Traglast pro Arm, ohne die Geometrie des Lagerguts zu berücksichtigen. Entscheidend ist der Lastschwerpunkt: Wenn Sie beispielsweise 1.000 Kilogramm auf einem 1,20 Meter langen Arm lagern, muss das Regal dafür ausgelegt sein, dass der Schwerpunkt der Last mittig oder idealerweise näher am Ständer liegt. Liegt das Gewicht zu weit an der Armspitze, wirkt eine deutlich höhere Hebelkraft, die den Arm oder die Verbindung zum Ständer überlasten kann.
Zudem müssen Sie die Durchbiegung des Lagerguts selbst einkalkulieren. Bei flexiblen Materialien wie Kunststoffrohren oder dünnen Holzlatten darf der Abstand zwischen den einzelnen Kragarmen (das Achsmaß) nicht zu groß sein, da das Material sonst zwischen den Auflagen durchhängt. Ein Durchhängen führt nicht nur zu bleibenden Verformungen am Produkt, sondern erschwert auch das sichere Unterfahren mit den Gabelzinken des Staplers erheblich.
Wechselwirkung zwischen Regal und Flurförderzeug
Die Investition in Kragarmregale zieht oft Folgeüberlegungen für Ihren Fuhrpark nach sich, da das Einlagern von Langgut quer zur Fahrtrichtung viel Platz beansprucht. Mit einem klassischen Frontstapler benötigen Sie extrem breite Arbeitsgänge, um mit einer 6-Meter-Stange rangieren zu können, was wertvolle Lagerfläche vernichtet. In vielen Fällen ist der Einsatz von Vierwege-Staplern oder Seitenstaplern wirtschaftlicher, da diese Geräte das Langgut seitlich transportieren und somit in sehr schmalen Gängen operieren können.
Wenn Sie keinen speziellen Seitenstapler anschaffen möchten, müssen die Gänge so dimensioniert sein, dass der Wenderadius Ihres Frontstaplers plus die Länge der Last zuzüglich eines Sicherheitsabstands abgedeckt ist. Analysieren Sie vor der Regalmontage zwingend den vorhandenen Platz: Ein Kragarmregal spart zwar im Vergleich zur Bodenlagerung Fläche, verliert diesen Vorteil aber wieder, wenn die nötigen Arbeitsgänge überdimensioniert werden müssen.
Besonderheiten bei der Lagerung im Außenbereich
Viele Unternehmen lagern witterungsunempfindliches Langgut wie verzinkten Stahl oder imprägniertes Holz im Freien, um teure Hallenfläche zu sparen. Hierfür sind Kragarmregale in feuerverzinkter Ausführung zwingend erforderlich, da lackierte oder pulverbeschichtete Regale durch die mechanische Beanspruchung beim Beladen schnell Kratzer bekommen und rosten würden. Ein oft unterschätzter Faktor im Außenbereich ist zudem der Untergrund: Asphaltdecken geben unter der Punktlast der Regalständer im Sommer oft nach, weshalb meist ein solides Betonfundament oder Punktfundamente nötig sind.
Soll das Außenregal zusätzlich mit einem Dach versehen werden, ändert sich die statische Berechnung grundlegend. Das Dach wirkt wie ein Segel und muss erhebliche Windlasten (Sog und Druck) sowie Schneelasten aufnehmen können. Diese Kräfte werden über die Ständer in das Fundament abgeleitet, weshalb Regale mit Dach deutlich massiver dimensioniert sein müssen als reine Lagergestelle. Improvisierte Eigenbauten von Dächern sind hier lebensgefährlich und statisch unzulässig.
Typische Fehlerquellen und Sicherheitsrisiken
Trotz der robusten Bauweise sind Kragarmregale anfällig für Fehlbedienung, insbesondere durch Überladung der Armspitzen oder Anprallschäden. Ein klassisches Risiko ist das „Heraushebeln“ von Fachböden oder Armen, wenn der Gabelstapler beim Anheben der Last unter einen darüberliegenden Arm hakt. Zudem neigen Mitarbeiter dazu, die Lastangaben (Traglastschilder) als grobe Richtwerte zu interpretieren; doch gerade bei langen Hebeln führt schon eine geringe Überschreitung der Maximallast am Armende zu kritischen Verformungen.
Um die Sicherheit dauerhaft zu gewährleisten, sollten Sie folgende Punkte regelmäßig prüfen:
- Sind die Sicherungsstifte bei steckbaren Armen korrekt eingerastet?
- Weisen die Ständerfüße Anfahrschäden durch Stapler auf?
- Sind die Schraubverbindungen der Kreuzverbände noch fest angezogen?
- Werden die maximalen Beladungshöhen eingehalten (kein Überstapeln)?
- Ist die Ware gleichmäßig auf die Arme verteilt oder liegt sie einseitig auf?
Fazit: Wann Kragarmregale die beste Wahl sind
Kragarmregale sind die wirtschaftlichste Lösung, sobald der Anteil an Langgut oder großformatigen Platten in Ihrem Lager dominiert und ein direkter Zugriff auf einzelne Artikel nötig ist. Sie nutzen die Hallenhöhe optimal aus und schaffen Ordnung, wo bei Bodenlagerung Chaos und Platzverschwendung herrschen würden. Zwar sind die Anschaffungskosten oft höher als bei Standard-Palettenregalen, doch amortisiert sich die Investition schnell durch geringere Zugriffszeiten und weniger Beschädigungen am Material.
Entscheidend für den Erfolg ist jedoch die präzise Planung im Vorfeld: Wer Lastschwerpunkte ignoriert oder die falsche Staplertechnik einsetzt, schafft neue Engpässe. Wenn Sie jedoch Statik, Bediengeräte und Lagergut als Einheit betrachten, erhalten Sie ein hochflexibles Lagersystem, das mit Ihrem Unternehmen und den Anforderungen Ihres Sortiments mitwachsen kann.
