Lang lebe das Schubladendenken

Zwischendurch

»Wenn Abstraktes greifbar werden soll, müssen neue Wortschöpfungen und neue Schubladen her. Eine dieser Schubladen heißt Industrie 4.0.«

05. November 2013

Die Welt dreht sich immer schneller. »Was gestern noch galt«, wusste vor 40 Jahren schon Hannes Wader, »ist heute schon alt.« Das Wissen wächst im Quadrat, der Informationsfluss wird immer reißender. Mittendrin in diesem Megakosmos aus Fakten und Hypothesen steht der Mensch und sucht nach Orientierung. Schub-laden und Schlagwörter sind bei dieser Suche äußerst hilfreich. Das wissen auch Werber und Vermarkter. Und so entstehen Wortschöpfungen am laufenden Band. Bestes Beispiel: Industrie 4.0.

Wo immer man hinkommt als Logistikreporter: »Die Informatisierung der klassischen Industrien« (Wikipedia-Definition von Indus-trie 4.0) wird früher oder später zum Thema. Ziel von 4.0, so die Online-Enzyklopädie, sei »die intelligente Fabrik (Smart Factory), die sich durch Wandlungsfähigkeit, Ressourceneffizienz und Ergonomie sowie durch die Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäfts- und Wertschöpfungsprozesse auszeichnet«. Technologische Grundlage dafür, so Wikipedia, seien »cyberphysische Systeme und das Internet der Dinge«. Alles klar? Wusste ich’s doch.

Wenn Abstraktes greifbar werden soll – denken ohne festen Boden unter den Füßen ist weniger verbreitet, als man glaubt – müssen fassbare Begriffe her. So wie bei Industrie 4.0 eben. Davon faseln viele. Wer aber fragt, was denn eigentlich unter dem neuen Begriff zu verstehen sei, bekommt oft keine Antwort. Egal. Hauptsache, Industrie 4.0 wird irgendwo im Gespräch untergebracht. Man geht ja mit der Zeit. Das gilt natürlich auch für Logistikreporter. Mein häuslicher Schreibtisch hat deshalb eine neue Schublade bekommen. Etikett: Ablage 4.0.

In die neue Lade fliegt jetzt alles, was mich a) nervt, und b), was ich nicht verstehe. Sie brauchen Beispiele? Bitte sehr! Die Steuer-erklärung liegt in der neuen Schublade und auch die Jahresabrechnung der Stadtwerke, meine Kontoauszüge ebenso wie meine Rentenhochrechnung. Tolle Sache also. Und so praktisch. Was meine Laune nachhaltig trüben könnte, entschwindet dem Gesichtsfeld. Kein Wunder also, dass ich dauernd nach neuen Kandidaten für die 4.0-Lade fahnde. Geeignete Anwärter gibts genug.

Protokolle von hitzigen Debatten mit Kollegen zum Beispiel sind heiße Kandidaten (die wühlen mich immer so auf). Aber auch Parktickets (wenn ich Batterien für 2,99 brauche, bezahle ich 4,99 Parkgebühr) haben reelle Chancen auf den Einzug in die Ruhmeshalle des Unerwünschten und Nichtverstandenen.

Ganz Logistiker, weiß ich dank der neuen Schublade immer, wo an mich gerichtete, meist schon ältere Zahlungsaufforderungen ihren Platz haben. Rückverfolgungsprobleme? Negativ. Und das alles dank Ablage 4.0. Lang lebe das Schubladendenken.

Erschienen in Ausgabe: 06/2013