Leitgedanke "Verpackungsreform"

Ratioform: Professionell "verpackte" Logistik

Da kann sich manches übervorsichtige, vielleicht gar noch aus staatlichen Mitteln satt subventionierte Großunternehmen mehr als eine Scheibe unternehmerischer Courage und Marktweitblick abschneiden: Ein Mittelständler mit rund 57 Millionen Euro Umsatz investiert rund 15 Millionen Euro für sein neues Logistikzentrum. Die Rede ist von der Ratioform Verpackungsmittel GmbH, die Anfang Juni unter dem Leitgedanken „Verpackungsreform“ ihre neue Europazentrale in Pliening bei München feierlich eröffnet hat.

12. November 2002

Das größtenteils automatisierte Lager mit 10.000 Palettenstellplätzen ist wichtigste Voraussetzung für die weitere Steigerung der Kundenzufriedenheit“, so Michael Vollmer, Prokurist und Mitglied der Geschäftsleitung der Ratioform Verpackungsmittel GmbH bei der Pressekonferenz anläßlich der Einweihung der neuen Europazentrale am 7. Juni 2002.

Ratioform, Marktführer im Versandhandel für Verpackungsmittel in Deutschland mit einem Sortiment von mehr als 2000 Artikeln, wurde 1979 gegründet und ist heute mit zehn Franchisepartnern in Deutschland, einem Franchisepartner in Österreich sowie je einem Tochterunternehmen in Italien und Spanien vertreten

Erfolgsfaktor Direktmarketing

Wie Thomas Krieg, der Gesellschafter und Geschäftsführer, betont, stellt für sein Unternehmen mit den Zielgruppen aus Elektro- und Elektronikindustrie, Chemie, Maschinenbau Dienstleistung, Banken und Versicherungen das „Direktmarketing den Erfolgsfaktor Nummer eins dar“. Von den 130.000 Bestandsadressen sind pro Jahr 70.000 Adressen aktiv.

Im Jahr 2001 eröffnete das Unternehmen, das mit 160 Mitarbeitern rund 57 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaftet, seinen Online-Shop, mit dem im laufenden Jahr rund 1,25 Millionen Euro, Tendenz steigend, umgesetzt werden sollen.

Rentabler als Outsourcing

Das größte Projekt in der vergleichsweise noch jungen, aber erfolgreichen Unternehmensgeschichte bildet die neue Europazentrale mit integriertem Logistikzentrum, die zwischen Ende 1999 und Mitte 2000 geplant und von Juli 2000 bis Oktober 2001 gebaut wurde. Wie Krieg betont, war das neue Logistikzentrum „bitter nötig“, nicht zuletzt, um die Leistungen der bisherigen vier dezentralen Außenlager zu konsolidieren und die Kosten zu reduzieren. Und natürlich, um weiteres Wachstum zu ermöglichen. Ein Outsourcing der logistischen Leistungen erwies sich laut Krieg für Ratioform aus Kostengründen und wegen der daraus resultierenden „Abhängigkeit“ als unrentabel. Zudem, so der Geschäftsführer, „wollten wir unser Geschäft sehen“.

Der Warenfluß im Logistikzentrum, das die Auftragsbearbeitung innerhalb von 24 Stunden und das Eintreffen der Ware beim Kunden spätestens binnen 48 Stunden bietet, beginnt mit dem Wareneingang, der räumlich vom Warenausgang getrennt ist. Die palettiert angelieferten Waren werden auf die Fördertechnik gesetzt und automatisch an die beiden RBG des Automatiklagers für die Zwischenlagerung übergeben, die auch nachts Aufträge bedienen und abarbeiten und die Regalplätze permanent wiederbefüllen. Anschließend wird die Ware auf die einzelnen Bereiche wie Durchlauflager, Kommissionierund Behälterlager verteilt. Das LVS steuert online das Zusammenspiel unterschiedlicher Lagertechniken.

Sofortiger Zugriff

Das Durchlauflager für insgesamt rund 1.000 Paletten, die sich auf 15 Kanäle für je fünfzehn Paletten verteilen, wird entweder artikel- oder auftragsrein von den RBG des Automatiklagers befüllt. „Bezüglich der Schnelligkeit der gesamten Versandabwicklung bietet das Durchlauflager entscheidende Vorteile“, betont Vollmer, denn die tausend Paletten liegen im sofortigen Zugriff des Warenausgangs, ohne daß die Paletten kommissioniert werden müssen.“

Das manuelle Kommissionierlager für 3.600 Palettenplätze wird von fünf bis sechs Kommissionierstaplern und zwei Nachschubstaplern, alle jeweils induktiv geführt, bedient. Während die ersten drei Ebenen als Pick-Ebenen fungieren, sind die vierte und fünfte Ebene für den Nachschub vorgesehen. Wie Vollmer erläutert, werden in diesem Lagerbereich „vor allem Kleinaufträge mit manuellem Kommissionieraufwand abgewickelt“. Der Nachschub für die Stapler wird über eine skalierbare Auftragsvorschau gesteuert, die Fahrer erhalten ihre Aufträge vom LVS auf ihre Datenfunkterminals übermittelt.

Für Artikel, die nicht auf Paletten angeliefert werden können, wie Säcke und Rollenware, ist das von einem RBG bediente automatische Behälterlager mit 430 Palettenplätzen für Gitterboxen mit zwei Kubikmetern Fassungsvermögen vorgesehen.

Schneller Auftragsdurchlauf

Übergroße und überbaute Paletten, die das Einheitsmaß einer Europalette übersteigen, werden im Sonderlager mit einer Kapazität von 1.100 Plätzen gelagert und von ein bis zwei Kommissionierstaplern in der ersten bis dritten Ebene abkommissioniert.

Im Warenausgang werden die einzelnen Aufträge aus den unterschiedlichen Lagerbereichen über die EDV wieder zusammengeführt und anschließend auftragsweise an vier Toren verladen.

Wie die Geschäftsführer betonen, profitieren die Kunden vom nun wesentlich schnelleren Warendurchlauf. Zum Bestellzeitpunkt sind sofort Informationen über den Lagerbestand und die Lieferfähigkeit von Artikeln verfügbar. Warenwirtschaftssystem und das als Subsystem des WWS nach chaotischem Prinzip arbeitende Lagerverwaltungssystem sind online miteinander verbunden; somit sind unter anderem Bestandskorrekturen durch die LVS-seitige Auftragsbearbeitung in Echtzeit verfügbar.

Alle Warenein- und -ausgänge werden für die ESDV durch Scannen der Barcodes automatisch erfaßt, „wodurch“, wie Vollmer betont, „Fehleingaben ausgeschlossen sind und die Bestandsproblematik der Vergangenheit angehört“. Allein hierfür und natürlich die Abwicklungsqualität der derzeit 10.000 Bestellungen pro Monat haben sich die Investitionen schon gelohnt. Und bis 2005 soll der Umsatz der Ratioform-Gruppe inklusive Italien, Spanien und Österreich um 100 Mio. Euro gesteigert werden. Summa summarum präsentiert sich das neue Logistikzentrum von Ratioform als maßgeschneiderte, hochleistungsfähige Anlage, mit der sich traditionell organisierte Geschäfte ebenso kundenfreundlich abwickeln lassen wie das stetig wachsende Online-Shopping. Eine überlegte, sinnvolle Investition, die nicht nur der Branche, sondern jedem Mittelständler als Musterbeispiel dienen kann.

Erschienen in Ausgabe: 08/2002