»Logistik ist der Taktgeber«

Linde Material Handling - Warum Mut zur Veränderung wichtig ist, was er von den Fridays-for-Future-Demos hält und wie die Antriebstechnologie der Zukunft aussieht, sagt Andreas Krinninger, Chef von Linde Material Handling, im Interview mit »logistik journal«.

18. Oktober 2019
»Logistik ist  der Taktgeber«
(© Linde Material Handling)

Interview: Tobias Rauser

Herr Krinninger, wenn Sie jemandem Ihren Job in Kürze beschreiben, wie klingt das?

Das ist gar nicht so leicht, denn meine Aufgabe ist vielschichtig. Es geht darum, zu verstehen, was unsere Kunden bewegt und herausfordert, und das dann mit unseren technologischen Möglichkeiten zusammenzubringen. Das ist der strategische Teil meines Jobs. Und dann geht es natürlich darum, die Dinge auch umzusetzen. Der dritte Punkt: die Mannschaft zu organisieren, Konflikte zu lösen, Aktivitäten zu priorisieren.

Was macht davon am meisten Spaß?

Intellektuell am anspruchsvollsten ist die erste Aufgabe, die strategischen Fragen zu beantworten. Am meisten Freude bereitet es mir, wenn ich sehe, welche Energie entsteht, wenn unsere Mannschaft es schafft, unsere Kunden zu begeistern.

Ist das eine Frage der Führung?

Führung ist extrem wichtig, in jeder Organisation, die größer als eine Person ist. Es ist meine Aufgabe als Geschäftsführer, für eine klare Orientierung zu sorgen. Aber es hängt nicht nur an mir und sollte auch nicht nur von mir abhängen: Wir leben bei Linde Material Handling eine unternehmerische Kultur. Jeder führt im Rahmen der strategischen Ausrichtung und operativen Ziele seinen Bereich eigenständig und treibt Dinge unternehmerisch voran.

Wie würden Sie den Stil von Ihnen, Andreas Krinninger, beschreiben?

Ich versuche, meine Leute zu fördern. Ich habe klare Vorstellungen, was wir als Unternehmen erreichen wollen und was Einzelne dazu beitragen sollen. Grundsätzlich erwarte ich von jedem Mitarbeiter, dass er für seinen Bereich eine klare, abgestimmte Strategie hat, seine operativen Zielsetzungen erreicht, sein Team kontinuierlich weiterentwickelt und dabei unsere Werte beherzigt.

Wie wichtig sind Werte dabei?

Sehr wichtig! Jeder Mitarbeiter von Linde Material Handling muss sich klar an den Werten orientieren, die wir uns gegeben haben: Integrität, Zusammenarbeit, Mut zur Veränderung und zu Innovationen sowie Exzellenz in der Umsetzung.

Können Sie einen Wert herausheben?

Ja, das kann ich: Mut. Ich erlebe es als große Herausforderung, dass sich Mitarbeiter oder Organisationen häufig selbst im Weg stehen, weil ihnen der Mut fehlt, kritische Dinge anzusprechen und Konflikte zu lösen. Wer den Mut hat, Konflikte zu lösen, Veränderungen voranzutreiben, die richtigen Schritte einzuleiten, der kommt voran.

Kann man es schaffen, diese Werte global durchzusetzen? Schließlich ticken Mitarbeiter in jeder Region anders.

Wir haben klar den Anspruch, dass unsere gemeinsam entwickelten Werte von jedem bei Linde Material Handling beherzigt werden. Natürlich kann es kulturelle Unterschiede geben, wie unsere Werte interpretiert werden. Mut spielt beispielsweise in Asien eine andere Rolle als bei uns. So sind asiatische Organisationen tendenziell hierarchischer, als ich es eigentlich von uns erwarte. Ich würde also sagen: Abstufungen sind denkbar, aber die Grundausprägung muss die gleiche sein.

Wo wir schon beim Thema Werte sind: Brauchen auch künstliche Intelligenzen einen Wertekodex? Oder zumindest Grenzen?

Das Thema ist extrem komplex, sowohl technisch als auch ethisch. Stand heute fällt es mir schwer, eindeutige Grenzen zu formulieren. Die KI sollte sich darauf fokussieren, Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Also keine Entscheidungen treffen.

Genau, zumindest keine kritischen. In den meisten kritischen Bereichen sollte letztlich der Mensch die Entscheidung treffen. Menschen bevorzugen es, von Menschen geführt zu werden und nicht von Maschinen. Ich persönlich hoffe, dass das noch lange so bleibt.

Viele verbinden das Thema KI oder Automatisierung mit der Sorge um Arbeitsplatzabbau oder Kontrollverlust.

Historisch erleben wir das bei jeder Veränderung: Alle haben erst mal große Angst. Grundsätzlich ist es völlig normal und auch gut, dass man vor jeder Veränderung erst mal Respekt hat. Das bedeutet im ersten Schritt nur, dass man sehr achtsam ist und sich auf neue Situationen einstellt. Im konkreten Fall der Automatisierung sehe ich allerdings eine Riesen-Chance.

»Die Hannover Messe ist für den Material- Handling-Bereich eher eine regionale Messe. Von daher hat sie für uns keine große Bedeutung.«

— Andreas Krinninger, Linde Material Handling

Wir haben ja in den letzten zwei, drei Jahren gesehen, wie knapp es mit der Personalverfügbarkeit geworden ist. Da bestand schlicht die Notwendigkeit, zu automatisieren. Automatisierung war keine Frage der Produktivität oder Rentabilität, sondern einfach eine Frage der Verfügbarkeit.

Welche Jobs wird es in fünf bis zehn Jahren im Lager nicht mehr geben?

Wenn Sie sich die Geschichte der Industrialisierung anschauen, dann werden auf Sicht alle Tätigkeiten, die einfach und wiederkehrend sind, am Ende des Tages automatisiert. Nicht nur im Logistikbereich, aber natürlich auch im Logistikbereich.

Verschmelzen Produktion und Logistik eigentlich, wie so oft beschrieben, oder gibt es noch immer Silo-Denken?

Tatsächlich erleben wir dieses Silo-Denken immer wieder. Das hilft natürlich nicht. Jede Form der Organisation funktioniert immer nur im engen Zusammenspiel. Für mich sind Supply Chain und Logistik die eigentlichen Taktgeber des Gesamtsystems. Von daher bin ich ganz froh, dass wir eine Industrie sind, die an dieser Stelle nah dran ist. Logistik ist der Taktgeber für die Produktion und stellt auch die Versorgung und Entsorgung sicher.

Ein wichtiges Thema für Sie als Unternehmenslenker ist »Innovation«. Wie kann ein klassischer Maschinenbauer mit dem Innovationstempo von Start-ups mithalten?

Wir haben eine DNA, die sehr unternehmerisch geprägt ist. Das heißt, wir haben sehr starke dezentrale Einheiten, die nah am Kunden sind und sich ständig neue innovative Lösungen für die Herausforderungen unserer Kunden überlegen. Außerdem haben wir eine fest in der Organisation verankerte Business-Innovations-Einheit aufgebaut, die direkt an mich berichtet. Wenn es in einer dezentralen Einheit vielversprechende Lösungen gibt, können wir diese standardisieren und skalieren. Darüber hinaus arbeiten wir mit verschiedenen Start-ups zusammen. Über ein systematisches Screening am Markt stoßen wir immer wieder auf interessante Start-ups, mit denen wir Kooperationen starten. Das gibt weitere Impulse ins Unternehmen. Je nachdem, wie interessant diese Lösungen dann sind, bauen wir strategische Kooperationen oder Partnerschaften auf; gegebenenfalls übernehmen wir einzelne Start-ups komplett.

Start-ups zeichnen sich durch eine andere Unternehmenskultur aus.

Ja, auf jeden Fall. Diese Start-ups sind viel kleinere Einheiten und so natürlich viel agiler als eine große Organisation. Das macht den Reiz aus, diese Welten zusammenzubringen.

Legen Sie dann die Krawatte ab und schnüren die Sneakers?

(lacht) Ich ziehe keine Sneakers an, aber ich habe dort tatsächlich keine Krawatte an – wie übrigens ohnehin häufig. Auch muss es nicht immer ein Anzug sein. Aber das sind Äußerlichkeiten. Viel wichtiger ist es, sich auf die unterschiedlichen Perspektiven, Heran- und Vorgehensweisen einzulassen.

Ist es von Vorteil, als Unternehmen klein und schnell zu sein? Oder braucht es auch eine gewisse Größe?

Beides ist richtig. Größe hat eine wichtige Bedeutung, denn Investitionen müssen getätigt werden und Sie brauchen natürlich auch Vertriebs- und Servicenetzwerke. Das ist für kleine Player immer eine Hürde. Auf der anderen Seite können auch kleine Unternehmen neue Plattform-Lösungen aufbauen und schnell in den Markt eindringen. Was wir merken: Wenn wir mit Start-ups zusammenarbeiten, haben diese teilweise einen sehr frischen Blick auf die Schmerzpunkte unserer Kunden, und kreieren wirklich interessante Geschäftsmodelle. Sie tun sich dann aber häufig schwer, den Marktzugang hinzubekommen und ihre Lösung zu industrialisieren. Da können wir helfen – da kommt dann die Größe und Erfahrung zum Tragen.

Lassen Sie Pilotprojekte mit eher unfertigen Produkten bei den Start-ups durchführen, weil diesen im Umgang mit Kunden mehr verziehen wird als Ihnen als Anbieter mit einem gewissen Qualitätsversprechen?

Bis wir auf Start-ups aufmerksam werden, haben diese ja meistens schon ein oder zwei Pilotanwendungen. Aber in der Tat: Sobald wir dazustoßen, richten wir einen sehr kritischen Blick auf Standards, Sicherheit und die Vermeidung von Risiken. Wir hinterfragen die Prozesse, damit wir keine Risiken bei unseren Kunden eingehen. Das Zusammenspiel gelingt aber gut.

Wie beurteilen Sie eigentlich die Proteste junger Leute von Fridays for Future?

Ich würde da gern noch mal zurückgehen auf das Thema Werte. Dort haben Sie gefragt, was für mich der wichtigste Wert ist: Mut. Die jungen Menschen zeigen sehr viel Mut und stehen auf für das, was ihnen wichtig ist. Und die Aufmerksamkeit, die das Thema bekommt, zeigt ja, dass es auch vielen anderen am Herzen liegt.

Fühlen Sie sich auch angesprochen?

Mich berührt das. Ich bin überzeugt, dass wir bei Linde Material Handling schon eine ganze Menge getan haben in Sachen Nachhaltigkeit. Dieses Thema verfolgen wir schon seit einiger Zeit ziemlich energisch. Trotzdem finde ich es gut, dass da noch mal ein Impuls entsteht, der auch noch viel stärker von der Politik aufgenommen werden muss.

Fragen Ihre Kunden denn auch in der Praxis nach Nachhaltigkeit?

Das Thema Gesamteffizienz der Prozesse, Energieverbräuche und Umweltbelastung ist für unsere Kunden absolut wichtig. Aber auch Nachhaltigkeit wird zunehmend relevanter, gerade bei größeren Kunden. Sie fordern von uns, dass wir nachweisen, was wir in dieser Sache unternehmen.

Nicht immer passt das Thema Nachhaltigkeit zu anderen Unternehmenszielen, etwa was die Profitabilität angeht.

Kurzfristig ist das häufig so. Aber wir sind langfristig orientiert und finden ausgewogene Lösungen.

Wenn man über Nachhaltigkeit spricht, ist man schnell beim Thema Antrieb. Lebt der Diesel noch?

Den Diesel wird es auch in 15 Jahren noch geben. Niemand sollte diese Technologie komplett abschreiben.

Was ist für Sie die Antriebstechnologie der Zukunft?

Wenn ich das genau wüsste, wäre ich ziemlich happy. Ich denke, dass sich der Markt in verschiedene Segmente aufteilen wird. Der Verbrenner wird in einem bestimmten Bereich bleiben, in anderen Bereichen werden wir weiterhin die klassische Bleisäurebatterie sehen. Zunehmend kommt Li-Ion in verschiedenen Kombinationen, aber ich bin auch überzeugt von einer zunehmenden Bedeutung der Brennstoffzelle.

»Menschen bevorzugen es, von Menschen geführt zu werden und nicht von Maschinen. Ich persönlich hoffe, dass das noch lange so bleibt.«

— Andreas Krinninger, Linde Material Handling

Sehen Sie wirklich die Chance, dass sich die Brennstoffzelle durchsetzt?

Ja, absolut. Wir haben die Technik heute schon im Portfolio. Die Anzahl der Anwendungen ist noch überschaubar. Aber die Kunden, die die Erfahrung haben und denen ihr grüner Fußabdruck wichtig ist, werden das Thema immer mehr nachfragen.

Noch rechnet sich das aber nicht.

Mit den bestehenden Subventionen rechnet es sich. Das kann aber natürlich dauerhaft nicht die Strategie sein. Wenn die Technologie skaliert wird, wird sie sich rechnen. Irgendwann ist der Zeitpunkt da, wo die Brennstoffzelle ein Selbstläufer wird.

Was sind die Auswirkungen dieser neuen Antriebe für Ihr Unternehmen?

Auch wenn es vielleicht erstaunt: Es ist vorteilhaft, weil es für uns eine höhere Wertschöpfung bedeutet. Die Verbrenner-Motoren kaufen wir zu, die Elektromotoren stellen wir selbst her.

Wie entwickeln sich die Antriebsanteile in Ihrem Verkaufsportfolio?

Der Anteil des Verbrenners geht kontinuierlich zurück, durch den wachsenden Markt steigen aber die Stückzahlen sogar noch. Im Li-Ion-Bereich haben wir eine sehr positive Entwicklung. Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren einen Anteil von 20 bis 30 Prozent erreichen. Die Brennstoffzelle hat noch einen relativ kleinen Anteil.

Ist es eigentlich schwierig, wenn bei einigen Kunden ein konzerneigenes Schwesterunternehmen mit ähnlicher Aufstellung mit Ihnen um den Auftrag kämpft?

Nein. In jedem Markt treffen wir auf sehr ähnliche Wettbewerber in Europa. Das sind alles starke Spieler. Konkurrenz hilft, damit man sich nicht ausruht und sich weiterentwickelt und differenziert. Egal ob konzernintern oder -extern, für mich ist das immer eine reizvolle Herausforderung.

Vor einem Jahr habe ich mit Kion-Chef Gordon Riske auch über mögliche Synergien gesprochen. Wie finden Sie das?

Grundsätzlich begrüßen wir das, denn an bestimmten Stellen gibt es einfach sinnvolle Synergien. Wir unterscheiden uns aber beim Wertversprechen, von daher ist Differenzierung genauso wichtig.

Was unterscheidet denn den Linde- vom Still-Stapler?

Der Linde-Stapler hat aus meiner Sicht eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit und damit Wirtschaftlichkeit. Wir bieten viel mehr Optionen an und schneiden diese passgenau auf die jeweilige Herausforderung unserer Kunden zu. Dahinter steht die beste Mannschaft im Bereich Material Handling.

Werden Sie eigentlich an der Hannover Messe 2020 teilnehmen?

Nein.

Warum nicht?

Die Hannover Messe ist für den Material-Handling-Bereich eher eine regionale Messe. Von daher hat sie für uns keine große Bedeutung.

Welchen Vorteil hat ein eigenes Kundenevent wie die »World of Material Handling«?

Wir wollen die besten Gesamtlösungen für den Materialfluss vom Warenein- bis -ausgang gestalten und umsetzen. Dafür müssen wir die Anforderungen der Kunden sehr gut verstehen und brauchen Zeit für den intensiven Dialog, die wir uns während des eigenen Kundenevents ganz anders nehmen können. Deswegen ist unsere »World of Material Handling« sehr wertvoll für unsere Kunden und uns.

Fehlt dort nicht der Kontakt zu neuen Zielgruppen und Laufpublikum?

Auf unserem Kundenevent sind ja nicht nur Bestandskunden, sondern auch immer viele neue Nutzer, die wir durch unser Produkt- und Lösungsangebot sowie unsere Expertise für Linde Material Handling begeistern wollen.

Infobox

Schnelldurchlauf

10 Fragen an ...

Andreas Krinninger

Wann haben Sie Ihr Telefon das letzte Mal ausgeschaltet?

Am Anfang unseres Gesprächs.

Wie viel Kaffee brauchen Sie, um den ganzen Tag hellwach zu sein?

Nicht so wahnsinnig viel. Wir haben genug spannende Themen. Die sind ziemlich anregend, aber ein guter Espresso geht natürlich immer.

Was ist Ihr Lieblingsdrink, wenn Sie abends an der Hotelbar sitzen nach einem anstrengenden Businesstrip?

Hotelbar ist nicht so richtig relevant für mich, ich mache dann lieber einen Spaziergang im Park.

Was ist der beste Ort für einen relaxten Wochenendtrip?

Wo immer meine Familie und gute Freunde sind.

In einem Sabbatical würden Sie was machen?

Wahrscheinlich würde ich mit ein paar guten Freunden ein Mountainbike nehmen, quer durch Europa fahren, dort die Umgebung wahrnehmen und abends dann die lokale Kultur genießen.

Mit welcher Person würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Es gibt jemanden, den ich ziemlich cool finde: Danny MacAskill, ein Mountainbike-Stuntfahrer. Was der kann und zeigt, in welcher Umgebung er fährt, das ist schon ziemlich beeindruckend.

Welche Eigenschaft ist Ihnen bei Ihren engsten Mitarbeitern besonders wichtig?

Die innere Unabhängigkeit zu haben, Entscheidungen zu treffen, die wichtig für sie sind. Und dort keine Barrieren zu sehen.

Mit welchen drei Attributen würden Sie gerne beschrieben werden?

Die Kunden im Fokus, verantwortungsvoll und vorausschauend, passioniert für die Mannschaft.

Wenn Sie einem Bewerber nur eine Frage stellen dürften, welche wäre das?

Sind Sie derjenige, der Sie in Ihren Träumen sein wollten?

Und was machen Sie in zehn Jahren?

Da werde ich Mitte 60 sein und wahrscheinlich auf der Terrasse mit meiner Frau ein gutes Glas Rotwein genießen. Wir werden reflektieren, was wir die letzten Jahre erlebt haben und fleißig Pläne für die Zukunft schmieden – privater Natur.

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 10 bis 13

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