In der modernen Lagerlogistik entscheidet oft die Geschwindigkeit der Datenerfassung über die Effizienz der gesamten Lieferkette. Mobile Datenerfassungsgeräte (MDE) sind dabei längst mehr als reine Barcode-Leser; sie fungieren als vollwertige Handheld-Computer, die Warenbewegungen in Echtzeit mit dem Warenwirtschaftssystem synchronisieren und Kommissionierfehler drastisch reduzieren.
Das Wichtigste in Kürze
- Betriebssystem-Wandel: Android hat Windows CE fast vollständig verdrängt und bietet durch „Android Enterprise“ höhere Sicherheitsstandards für Industrieanwendungen.
- Formfaktor entscheidet: Die Wahl zwischen Full-Touch, physischer Tastatur oder Pistolengriff (Gun-Grip) hängt direkt von der Notwendigkeit der Dateneingabe und der Scan-Intensität ab.
- Scan-Reichweite: Für Hochregallager sind spezielle Auto-Range-Imager notwendig, die Barcodes sowohl aus 10 Zentimetern als auch aus 20 Metern Entfernung lesen können.
Was moderne MDE-Geräte von einfachen Scannern unterscheidet
Viele Anwender verwechseln reine Barcode-Scanner mit MDE-Geräten, doch der funktionale Unterschied ist gewaltig. Ein klassischer Scanner ist lediglich ein Eingabegerät, das Daten an einen PC überträgt, während ein MDE-Gerät (Mobiles Datenerfassungsgerät) über einen eigenen Prozessor, Arbeitsspeicher und ein Display verfügt. Es verarbeitet Logik direkt am Ort des Geschehens, validiert Eingaben gegen die Datenbank und warnt den Lageristen sofort, wenn ein falscher Artikel gepickt wurde.
Diese Intelligenz im Gerät entlastet das Netzwerk und ermöglicht Offline-Arbeiten in Funklöchern, da Daten zwischengespeichert werden können. Zudem erlauben moderne Geräte nicht nur das Lesen von 1D-Strichcodes (wie EAN), sondern erfassen auch 2D-Codes (QR, DataMatrix) und können mittels OCR-Technologie sogar Klarschrift lesen. Die Investition in ein echtes MDE-System zielt also immer auf Prozesssicherheit und nicht nur auf die reine Erfassung ab.
Bauformen im Vergleich: Touch, Tastatur oder Gun?
Der Markt hat sich in den letzten Jahren stark ausdifferenziert, um verschiedenen Arbeitsumgebungen gerecht zu werden. Es gibt keine „One-Size-Fits-All“-Lösung, weshalb Hersteller ihre Serien meist in modularen Bauweisen anbieten. Um die richtige Hardware für Ihr Lager zu finden, müssen Sie zunächst die primäre Arbeitsweise Ihrer Mitarbeiter analysieren.
Die folgende Übersicht hilft Ihnen, die Hardware-Kategorien den passenden Tätigkeiten zuzuordnen:
- Full-Touch-Handhelds: Ähneln robusten Smartphones. Ideal für Mitarbeiter, die viel Informationen ablesen müssen und an eine App-Bedienung gewöhnt sind (z. B. Inventur, leichter Wareneingang).
- Geräte mit physischer Tastatur: Unverzichtbar, wenn Mengen manuell korrigiert werden müssen oder Mitarbeiter Handschuhe tragen („Blindbedienung“).
- Gun-Grip (Pistolengriff): Ergonomisch notwendig für scan-intensive Bereiche wie den Warenausgang oder Cross-Docking, um das Handgelenk zu entlasten.
- Wearables (Rückhandscanner): Werden am Arm oder Finger getragen. Perfekt für Kommissionierer, die beide Hände frei haben müssen („Hands-free Picking“).
Scan-Engine und Reichweite: Von Nahbereich bis Hochregal
Das Herzstück jedes MDE-Geräts ist die Scan-Engine, deren Leistungsspektrum oft unterschätzt wird. Standard-Range-Imager sind für Leseabstände von etwa 30 bis 60 Zentimetern optimiert, was für das Scannen von Paketen in der Hand oder auf Arbeitshöhe völlig ausreicht. Werden jedoch Palettenetiketten vom Gabelstapler aus gescannt, versagen diese Standard-Module, was Fahrer zum ständigen Absteigen zwingt und enorm Zeit kostet.
Für Lager mit Hochregalen sind sogenannte „Extended Range“ oder „Auto-Range“ Imager die einzige wirtschaftliche Option. Diese Optiken nutzen variable Fokussierungen, um denselben Barcode sowohl aus kurzer Distanz (Armlänge) als auch aus extremen Entfernungen von bis zu 21 Metern zu erfassen. Achten Sie bei der Auswahl explizit auf diese Spezifikation, da ein nachträgliches Software-Update die physische Linse nicht ersetzen kann.
Das Betriebssystem: Warum Android den Industriestandard setzt
Lange Zeit war Windows CE oder Windows Mobile das Maß aller Dinge im Lager, doch seit dem Support-Ende durch Microsoft hat sich das Blatt gewendet. Nahezu alle führenden Hersteller setzen heute auf Android, allerdings in speziellen „Enterprise“-Versionen. Diese bieten im Gegensatz zu Konsumer-Smartphones einen garantierten Support-Lebenszyklus, Sicherheitsupdates über mehrere Jahre und die Möglichkeit, den Zugriff auf nicht-arbeitsrelevante Apps (Kiosk-Modus) zu sperren.
Die Umstellung auf Android bringt für Unternehmen den Vorteil einer vertrauten Benutzeroberfläche mit sich, was die Einarbeitungszeit neuer Mitarbeiter verkürzt. Zudem ermöglicht es den Einsatz modernerer, grafischer Lagerverwaltungs-Apps anstelle der alten, textbasierten „Green-Screen“-Terminalemulationen. Wer heute noch in Windows-basierte Neugeräte investiert, kauft technologische Altlasten ohne Zukunftssicherheit.
Robustheit und IP-Schutzklassen richtig deuten
Ein Lager ist eine feindliche Umgebung für Elektronik: Staub, Feuchtigkeit und Stürze auf Betonboden sind an der Tagesordnung. Die Widerstandsfähigkeit eines MDE-Geräts wird primär durch die IP-Schutzklasse (Ingress Protection) und die Sturzspezifikation definiert. Eine IP65-Zertifizierung bedeutet beispielsweise, dass das Gerät staubdicht ist und Strahlwasser aus beliebigem Winkel standhält, während IP67 sogar zeitweiliges Untertauchen erlaubt.
Wichtiger als der Wasserschutz ist in der Intralogistik jedoch meist die Sturzfestigkeit. Achten Sie in den Datenblättern nicht nur auf die Fallhöhe (z. B. 1,8 Meter), sondern auch auf den Zusatz „auf Beton“ und „über den gesamten Betriebstemperaturbereich“. Manche Geräte halten Stürze bei Raumtemperatur aus, werden aber bei Kälte im Tiefkühllager spröde; professionelle „Freezer“-Modelle verfügen deshalb über interne Heizungen, um Display und Akku vor Kälteschäden und Beschlag zu schützen.
Checkliste: So finden Sie das passende Gerät
Bevor Sie sich für ein Modell entscheiden, sollten Sie die Anforderungen Ihrer spezifischen Lagerumgebung gegen die technischen Daten prüfen. Es lohnt sich, Testgeräte bei Händlern anzufordern, um die Ergonomie im Live-Betrieb durch die Mitarbeiter bewerten zu lassen. Oft entscheidet nicht das Datenblatt, sondern das Gewicht und die Balance des Geräts über die Akzeptanz im Team.
Stellen Sie sich folgende Fragen, um die Auswahl einzugrenzen:
- Scan-Distanz: Muss vom Stapler aus in das obere Regal gescannt werden? (Falls ja: Auto-Range Imager).
- Eingabe-Methode: Werden dicke Arbeitshandschuhe getragen? (Falls ja: Physische Tastatur zwingend).
- Umgebung: Herrschen Minusgrade oder extreme Staubbelastung? (Falls ja: IP67 und Heizung).
- Konnektivität: Ist das WLAN im Lager flächendeckend stabil oder wird LTE als Fallback benötigt?
- Software: Ist Ihre Lagerverwaltungssoftware bereits für Android optimiert oder nutzen Sie eine Terminal-Emulation?
Fazit: Investitionssicherheit durch Praxis-Tests
Die Auswahl des „besten“ MDE-Geräts ist keine Frage der Marke, sondern der passgenauen Abstimmung auf Ihre Prozesskette. Während teure High-End-Modelle mit Pistolengriff und Long-Range-Scanner im Hochregallager unverzichtbar sind, können im Warenausgang oft leichtere, günstigere Touch-Geräte effizienter sein. Der Trend geht klar zu Android-basierten, robusten Systemen, die eine Brücke zwischen der einfachen Bedienbarkeit eines Smartphones und der Härte industrieller Anforderungen schlagen.
Lassen Sie sich nicht von reinen Hardware-Daten blenden, sondern binden Sie die Lageristen in die Entscheidung ein. Ein Gerät, das technisch überlegen ist, aber schlecht in der Hand liegt oder dessen Tasten mit Handschuhen nicht bedienbar sind, wird die Produktivität eher senken als steigern. Teststellungen unter realen Bedingungen sind daher der sicherste Weg, um eine Fehlinvestition zu vermeiden und die Datenerfassung langfristig zu beschleunigen.
