Ein beschädigtes Palettenregal ist selten nur ein optisches Ärgernis, sondern oft eine tickende Zeitbombe im Lageralltag. Wenn tonnenschwere Lasten durch Materialermüdung oder Staplerunfälle ins Rutschen geraten, stehen nicht nur hohe Sachwerte, sondern Menschenleben auf dem Spiel. Die gesetzlichen Vorgaben zur Regalprüfung wirken auf den ersten Blick bürokratisch komplex, folgen aber einer klaren Logik: Risiken frühzeitig erkennen, bevor die Statik versagt.
Das Wichtigste in Kürze
- Regalprüfungen basieren auf der europäischen Norm DIN EN 15635 sowie der deutschen Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV).
- Unternehmen müssen zwei Intervalle einhalten: eine wöchentliche Sichtkontrolle durch interne Mitarbeiter und eine jährliche Experteninspektion.
- Beschädigungen werden nach einem Ampelsystem (Grün, Orange, Rot) klassifiziert, das sofortige Sperrungen oder reine Beobachtung vorgibt.
Warum die DIN EN 15635 für Ihre Lagerlogistik entscheidend ist
Die europäische Norm DIN EN 15635 bildet das technische Rückgrat für die Sicherheit von Ortsfesten Regalsystemen aus Stahl. Sie definiert exakt, wie Inspektionen ablaufen müssen, welche Grenzwerte für Verformungen gelten und wer überhaupt prüfen darf. In Deutschland wird diese Norm durch die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und die DGUV Regel 108-007 der Berufsgenossenschaften rechtlich bindend verankert, was sie von einer bloßen Empfehlung zu einer zwingenden Betreiberpflicht macht.
Missachten Sie diese Vorgaben, setzen Sie sich einem enormen Haftungsrisiko aus. Kommt es zu einem Arbeitsunfall durch ein instabiles Regal, prüfen Versicherungen und Behörden als Erstes, ob die vorgeschriebenen Wartungsintervalle eingehalten und dokumentiert wurden. Fehlen diese Nachweise, drohen dem Geschäftsführer oder Lagerleiter strafrechtliche Konsequenzen und der Verlust des Versicherungsschutzes, selbst wenn die Ursache des Unfalls auf den ersten Blick woanders lag.
Welche Arten der Regalprüfung vorgeschrieben sind
Viele Lagerverantwortliche gehen fälschlicherweise davon aus, dass ein jährlicher Check durch einen Dienstleister alle Pflichten erfüllt. Der Gesetzgeber fordert jedoch eine zweistufige Strategie, um sowohl schleichende Verschlechterungen als auch akute Unfallschäden abzudecken. Diese Unterscheidung ist essenziell, um den Prüfaufwand in den operativen Alltag zu integrieren, ohne die Sicherheit zu vernachlässigen.
- Wöchentliche Sichtprüfung: Eine regelmäßige Inspektion vom Boden aus durch unterwiesenes eigenes Personal.
- Jährliche Experteninspektion: Eine umfassende Prüfung auf Herz und Nieren durch eine offiziell befähigte Person oder einen externen Prüfer.
Die wöchentliche Kontrolle dient als Frühwarnsystem und muss nicht zwingend protokolliert werden, solange keine Mängel gefunden werden – allerdings empfiehlt sich ein kurzes „Okay“-Protokoll zur Absicherung. Die jährliche Hauptprüfung hingegen ist ein tiefgehender Audit-Prozess, der auch statische Berechnungen und die generelle Montagequalität hinterfragt und zwingend schriftlich festgehalten werden muss.
Wie die wöchentliche Sichtprüfung im laufenden Betrieb funktioniert
Für den wöchentlichen Check benötigen Sie keinen externen Ingenieur, sondern einen zuverlässigen Mitarbeiter, der mit der Lagertechnik vertraut ist. Diese Person muss wissen, wie ein intaktes Regal aussieht und wo typische Gefahrenstellen liegen, etwa an den unteren Stützen im Fahrbereich der Stapler. Der Prozess erfolgt rein visuell vom Hallenboden aus, ohne dass Ware ausgelagert oder in die Höhe geklettert werden muss.
Das Ziel ist das Erkennen offensichtlicher Mängel, die im hektischen Tagesgeschäft entstanden sind. Dazu gehören deformierte Ständerprofile durch Anfahrtschäden, verbogene Traversen oder fehlende Sicherungsstifte, die ein Aushebeln der Träger verhindern sollen. Entdeckt der Mitarbeiter einen Schaden, muss er diesen sofort melden und – je nach Schweregrad – den betroffenen Bereich provisorisch sichern, bis eine qualifizierte Bewertung erfolgen kann.
Was bei der jährlichen Experteninspektion genau passiert
Einmal im Jahr muss eine sogenannte „befähigte Person“ die Regalanlage prüfen, was spezielle Fachkenntnisse gemäß TRBS 1203 voraussetzt. Dieser Experte misst nicht nur offensichtliche Dellen nach, sondern kontrolliert auch die Lotrechte der Regalständer und die Durchbiegung der Träger unter Last mittels präziser Messwerkzeuge. Dabei wird abgeglichen, ob die tatsächliche Nutzung noch den ursprünglichen statischen Vorgaben entspricht.
Zusätzlich zur Stahlstruktur prüft der Experte das organisatorische Umfeld der Lagertechnik. Sind die Belastungswarnschilder vorhanden und aktuell? Stimmen die Fach- und Feldlasten mit den gelagerten Gewichten überein? Am Ende dieser Inspektion steht ein detaillierter Prüfbericht, der alle Mängel auflistet, sowie die Vergabe der offiziellen Prüfplakette, sofern keine sicherheitskritischen Mängel bestehen.
Wie Sie Schäden nach dem Ampelsystem der Norm bewerten
Die DIN EN 15635 liefert ein objektives Messverfahren, um Diskussionen über „ein bisschen verbogen“ oder „noch gut“ zu beenden. Mittels eines Stahllineals wird die Verformung im Verhältnis zur Länge des Bauteils gemessen. Das Ergebnis ordnet den Schaden einer von drei Gefahrenstufen zu, die klare Handlungsanweisungen für den Lagerbetreiber diktieren.
- Grün (Überwachung): Leichte Verformungen innerhalb der Toleranz. Das Regal darf genutzt werden, der Schaden wird dokumentiert und beobachtet.
- Orange (Gefährliche Beschädigung): Die Grenzwerte sind überschritten. Das Regalfach muss entlastet werden. Eine Wiederbeladung ist erst nach fachgerechter Reparatur erlaubt.
- Rot (Sehr schwere Beschädigung): Akute Einsturzgefahr. Der Bereich muss sofort gesperrt und entlastet werden. Das Bauteil ist zwingend auszutauschen.
Dieses Ampelsystem zwingt Unternehmen zum Handeln und verhindert, dass Reparaturen auf die lange Bank geschoben werden. Besonders bei der Stufe Orange entsteht oft der Fehler, das Regal zwar zu entlasten, aber die Reparatur zu vergessen – was bei der nächsten Prüfung unweigerlich zu Problemen führt. Rot bedeutet hingegen immer: Sofortiger Stopp, ohne Ausnahme.
Worauf Sie beim Check der Regalbauteile besonders achten müssen
Regale sind starre Systeme, die dynamischen Kräften durch Flurförderzeuge ausgesetzt sind, wofür sie eigentlich nicht gebaut wurden. Der Fokus jeder Prüfung liegt daher auf den Komponenten, die kinetische Energie absorbieren oder die Stabilität gewährleisten. Ein häufig übersehenes Detail sind hierbei die Bodenanker, die durch Vibrationen locker werden oder abscheren können.
Auch die Sicherungen gegen das unbeabsichtigte Ausheben von Trägern sind ein kritischer Punkt. Wenn ein Gabelstapler beim Anheben der Palette versehentlich unter die Traverse hakt, muss ein kleiner Sicherungsstift verhindern, dass das gesamte Fach herausgehoben wird und abstürzt. Fehlen diese Stifte – was in der Praxis oft vorkommt – ist die Betriebssicherheit der gesamten Einheit nicht mehr gegeben, selbst wenn der Stahl intakt wirkt.
Welche Fehler bei der Dokumentation oft teuer werden
Eine durchgeführte Prüfung ohne sauberen Nachweis ist im juristischen Ernstfall wertlos. Viele Unternehmen begehen den Fehler, Mängelberichte zwar zu erstellen, die anschließende Reparatur (die sogenannte „Wiederherstellung der Sicherheit“) aber nicht im gleichen Dokument gegenzuzeichnen. Es entsteht eine Lücke in der Historie, die suggeriert, dass bekannte Mängel ignoriert wurden.
Ein weiterer Aspekt ist die Aktualität der Anlagendokumentation selbst. Werden Regale umgebaut, Ebenen versetzt oder Fachhöhen verändert, ändert sich die Statik der gesamten Anlage. Ohne eine Neuberechnung und Anpassung der Belastungsschilder ist die vorherige Prüfung hinfällig, da der Prüfer von falschen Voraussetzungen ausgeht. Änderungen am System müssen daher immer dokumentiert und statisch bewertet werden.
Fazit: Routine schützt vor dem Lagerkollaps
Die Prüfung von Palettenregalen ist keine reine Bürokratieübung, sondern eine unverzichtbare Maßnahme zur Erhaltung der Infrastruktur und der Gesundheit der Mitarbeiter. Wer das Zusammenspiel aus wöchentlicher Sichtkontrolle und jährlicher Expertenprüfung ernst nimmt, minimiert nicht nur das Risiko schwerer Unfälle, sondern verlängert durch rechtzeitige Kleinreparaturen auch die Lebensdauer der teuren Lagersysteme erheblich.
Zukünftig werden Sensoren und digitale Überwachungssysteme Teile dieser Aufgaben übernehmen können, doch der geschulte Blick des Menschen bleibt vorerst unersetzbar. Etablieren Sie eine Kultur, in der Anfahrschäden nicht vertuscht, sondern gemeldet werden. Denn ein verbogener Ständer lässt sich ersetzen – die Folgen eines Einsturzes sind oft irreversibel.
