Die Anforderungen an moderne Lagerlogistik steigen kontinuierlich: Kürzere Lieferzeiten und eine wachsende Artikelvielfalt setzen Lagerleiter unter Druck, Prozesse zu beschleunigen und gleichzeitig die Fehlerquote gen Null zu drücken. Die klassische Papierliste hat in effizienten Umgebungen längst ausgedient. Wer heute optimiert, steht oft vor der Wahl zwischen zwei technologischen Schwergewichten: der visuellen Führung durch Pick-by-Light und der akustischen Steuerung durch Pick-by-Voice. Beide Systeme versprechen Effizienzsprünge, doch ihre Stärken liegen in völlig unterschiedlichen Szenarien. Eine falsche Wahl kann teure Investitionen in Hardware binden, ohne den gewünschten Durchsatz zu liefern.
Das Wichtigste in Kürze
- Pick-by-Light bietet maximale Pick-Geschwindigkeit bei hoher Artikeldichte, erfordert aber hohe Investitionen in Regal-Hardware und ist unflexibel bei Layout-Änderungen.
- Pick-by-Voice überzeugt durch Flexibilität und geringe Infrastrukturkosten, da die Technik am Mitarbeiter getragen wird („Hands-free“), ist jedoch bei extrem hoher Pick-Frequenz etwas langsamer.
- Oft ist nicht ein Entweder-oder, sondern eine hybride Lösung ideal: Licht für Schnelldreher (A-Artikel) und Sprache für den restlichen Lagerbereich.
Funktionsweise und technische Basis beider Systeme
Um die richtige Entscheidung zu treffen, muss zunächst klar sein, wie sich die Interaktion zwischen Mensch und Lagertechnik unterscheidet. Bei Pick-by-Light (PbL) wird jedes Lagerfach mit einer elektronischen Fachanzeige ausgestattet, die meist aus einer leuchtstarken LED, einem Display für die Menge und einer Quittiertaste besteht. Der Kommissionierer wird rein visuell zum richtigen Fach geleitet, entnimmt die angezeigte Menge und bestätigt den Vorgang per Knopfdruck direkt am Regal. Das System ist hardwarelastig und fest mit der Regalkonstruktion verbunden.
Pick-by-Voice (PbV) verlagert die Technik hingegen komplett auf den Mitarbeiter. Dieser trägt einen mobilen Computer am Gürtel und ein Headset mit Mikrofon. Ein Sprachcomputer gibt Anweisungen („Gang 3, Fach 20, entnimm 5 Stück“), die der Mitarbeiter mündlich bestätigt, oft ergänzt durch das Vorlesen einer Prüfziffer am Lagerfach zur Verifizierung. Die Hände und der Blick bleiben dabei stets frei für die eigentliche Arbeit, was die Ergonomie grundlegend verändert und den Fokus auf die Umgebung lenkt. Diese grundlegende Ausrichtung bestimmt bereits die Einsatzmöglichkeiten.
Einflussfaktoren auf die Kommissionierleistung im Vergleich
Nicht jedes System passt zu jeder Lagerstruktur. Um die Effizienzpotenziale realistisch einzuschätzen, lohnt sich ein direkter Vergleich der Prozessmechaniken. Die folgende Übersicht zeigt, welche operativen Hebel durch die jeweilige Technologie bedient werden:
- Suchzeit: Pick-by-Light eliminiert die Suchzeit fast vollständig durch das direkte Aufleuchten (Blickfang). Pick-by-Voice reduziert sie durch präzise Navigationsanweisungen, erfordert aber kognitive Verarbeitung.
- Greifzeit: Beide Systeme ermöglichen schnelles Greifen. Voice hat hier leichte Vorteile bei schweren oder sperrigen Gütern, da beide Hände permanent frei sind.
- Informationsaufnahme: Visuelle Signale (Licht) werden vom Gehirn schneller verarbeitet als akustische Sprachbefehle, was bei extrem hoher Pick-Frequenz entscheidend ist.
- Bewegungsfreiheit: Voice erlaubt uneingeschränkte Mobilität im gesamten Lager, während Light den Mitarbeiter an die verkabelten Zonen bindet.
Diese mechanischen Unterschiede führen dazu, dass Pick-by-Light oft als der „Sprinter“ für enge Räume gilt, während Pick-by-Voice als „Allrounder“ für Strecke und Volumen punktet. Wer diese Dynamiken ignoriert, installiert möglicherweise einen Ferrari in einer Zone, in der ein Geländewagen nötig wäre.
Wo Pick-by-Light seine Geschwindigkeitsvorteile ausspielt
Die unschlagbare Stärke von Lichtsystemen liegt in der sogenannten „High-Speed-Kommissionierung“. Wenn Mitarbeiter auf sehr engem Raum arbeiten und Artikel eine extrem hohe Umschlagshäufigkeit haben (A-Artikel), ist das Auge-Hand-Prinzip konkurrenzlos. Der Mitarbeiter sieht das Licht, greift instinktiv und drückt den Knopf – ein Vorgang, der im Muskelgedächtnis fast automatisiert abläuft. Da keine Sprachkommandos abgewartet oder Prüfziffern vorgelesen werden müssen, ist die reine Transaktionszeit pro Position (Pick) minimal.
Besonders effizient ist dies in Durchlaufregalen oder an Kommissionierarbeitsplätzen, wo die Ware zum Mann kommt. Ein weiterer Vorteil ist die extrem kurze Einarbeitungszeit. Da das System selbsterklärend ist („Nimm dort, wo es leuchtet“), können Saisonkräfte oft schon nach wenigen Minuten produktiv arbeiten. Allerdings erkauft man sich diese Geschwindigkeit mit Starrheit: Ändert sich das Sortiment oder die Fachaufteilung, müssen die Leisten am Regal physisch versetzt oder neu verkabelt werden, was Umbauzeiten und Kosten verursacht.
Warum Pick-by-Voice bei Flexibilität und Ergonomie punktet
Sprachgeführte Systeme spielen ihre Stärke dort aus, wo Flexibilität und Bewegungsfreiheit wichtiger sind als die reine Pick-Frequenz pro Sekunde. Da keine Displays an den Regalen montiert werden müssen, lässt sich Pick-by-Voice problemlos über riesige Hallenbereiche, Palettenlager oder Blocklager hinweg ausrollen. Wenn Sie über Nacht die Lagerstruktur ändern oder neue Gänge hinzufügen, genügt meist ein Software-Update; Hardware muss nicht umgeschraubt werden. Zudem ist das „Hands-free, Eyes-free“-Konzept ein enormer Sicherheitsgewinn, wenn Kommissionierer gleichzeitig Flurförderzeuge bedienen.
Ein oft unterschätzter Vorteil liegt in speziellen Umgebungen wie dem Tiefkühllager. Bei minus 24 Grad sind Displays oft träge und Tasten mit dicken Handschuhen schwer zu bedienen. Sprachbefehle funktionieren hier unabhängig von der Temperatur und der Schutzkleidung. Zwar liegt die maximale Pick-Leistung etwas unter der von Lichtsystemen, da der Dialog Zeit kostet, doch die Fehlerquote ist durch den Zwang zur Bestätigung von Prüfziffern oft noch geringer als beim schnellen „Drücken und Greifen“ am Lichtmodul.
Kostenstruktur und Investitionsrisiko abwägen
Die wirtschaftliche Betrachtung beider Systeme folgt völlig unterschiedlichen Logiken. Bei Pick-by-Light hängen die Kosten primär an der Anzahl der Lagerfächer. Ein Lager mit 10.000 Artikeln benötigt 10.000 Lichtmodule und die entsprechende Verkabelung, unabhängig davon, ob dort ein oder zwanzig Mitarbeiter arbeiten. Das macht die Initialinvestition für große Sortimente mit geringer Drehung (C-Teile) oft unwirtschaftlich. Hinzu kommen Wartungskosten für tausende elektronische Komponenten am Regal, die durch den rauen Lageralltag beschädigt werden können.
Pick-by-Voice hingegen skaliert mit der Anzahl der Mitarbeiter, nicht mit der Anzahl der Lagerplätze. Die Kosten entstehen hauptsächlich durch die mobilen Terminals, Headsets und Softwarelizenzen. Ob das Lager 500 oder 50.000 Stellplätze hat, ist für die Hardware-Investition fast irrelevant. Für Unternehmen mit breitem Sortiment, vielen Lagerplätzen, aber einer überschaubaren Anzahl an Kommissionierern ist die Sprachlösung daher fast immer die kostengünstigere Variante. Die Hürde liegt hier eher in der Akzeptanz durch die Mitarbeiter, da das permanente Sprechen und Hören als isolierend empfunden werden kann.
Entscheidungshilfe für die Systemauswahl
Um eine fundierte Wahl zu treffen, sollten Sie Ihr Lagerprofil gegen die Stärken der Systeme prüfen. Es gibt selten einen alleinigen Gewinner für alle Bereiche, aber klare Indikatoren für den jeweiligen Einsatz. Nutzen Sie diese Kriterien zur Einordnung Ihrer Situation:
- Artikeldichte: Haben Sie viele kleine Artikel auf engstem Raum (z. B. Kleinteilelager)? → Tendenz zu Pick-by-Light.
- Laufwege: Legen Mitarbeiter weite Strecken zurück oder nutzen Stapler? → Klare Tendenz zu Pick-by-Voice.
- Sortimentsdynamik: Ändern sich Ihre Lagerplätze und Fachgrößen häufig? → Tendenz zu Pick-by-Voice.
- Personalstruktur: Arbeiten Sie mit vielen kurzfristigen Saisonkräften ohne Sprachkenntnisse? → Pick-by-Light ist intuitiver, wobei moderne Voice-Systeme auch viele Sprachen beherrschen.
- Umgebungsbedingungen: Herrschen extreme Temperaturen (Tiefkühl) oder schwierige Lichtverhältnisse? → Tendenz zu Pick-by-Voice.
Analysieren Sie auch Ihre Fehlerquellen. Entstehen Fehler durch Vergreifen im Regal (falsches Fach direkt daneben), hilft die punktgenaue Leuchte von Pick-by-Light besser. Entstehen Fehler durch Unkonzentriertheit bei der Menge oder Artikelnummer, erzwingt der Sprachdialog bei Voice eine höhere Aufmerksamkeit.
Fazit: Hybride Strategien als Lösung für moderne Lager
Der Kampf „Licht gegen Sprache“ endet in der Praxis oft unentschieden – oder besser gesagt: in einer Koalition. Viele hochperformante Lager setzen auf hybride Strategien, um das Beste aus beiden Welten zu vereinen. Dabei werden die Schnelldreher (A-Artikel) in einer Zone mit Pick-by-Light-Modulen ausgestattet, um maximalen Durchsatz zu garantieren. Die langsamer drehenden B- und C-Artikel sowie Palettenstellplätze im restlichen Lager werden hingegen flexibel und kosteneffizient per Pick-by-Voice bedient.
Diese Zonierung optimiert das Verhältnis von Investitionskosten zu Produktivität. Moderne Warehouse-Management-Systeme (WMS) können problemlos einen Auftrag splitten oder einen Mitarbeiter nahtlos von einer Licht-Zone in eine Sprach-Zone leiten. Anstatt sich dogmatisch für ein System zu entscheiden, sollten Sie Ihre Artikelstruktur und Prozessdaten analysieren. Die intelligenteste Lösung ist diejenige, die sich den Anforderungen Ihrer Ware anpasst, nicht umgekehrt.