Das Massengeschäft Brief verschlingt Millioneninvestitionen, die selbst für die normalerweise finanziell gut ausgestatteten nationalen Postgesellschaften manchmal schwer zu schultern sind. Das gilt insbesondere für jene zehn Länder, die am 1. Mai 2004 neue Mitglieder der Europäischen Union (EU) werden wollen. Ihr Nachholbedarf ist groß, weil die Infrastruktur veraltet ist. Sie müssen die High-Tech-Ausrüstungen meist im westlichen Ausland zu den dort üblichen Preisen kaufen. Sie müssen in harter Währung zahlen. Und sie müssen sich beeilen, da die Postinfrastruktur eigentlich schon vor dem Beitrittstermin auf EU-Standards gehoben werden soll. Zunehmend suchen die Unternehmen daher Partner, die ihnen als Generalunternehmer nicht nur die benötigte Infrastruktur verkaufen, installieren und warten, sondern das Ganze auch noch langfristig finanzieren.

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Genau diesen Weg hat auch die ungarische Post für ihr Nationales Logistikzentrum (NLZ) gewählt, das seit November Briefe und Pakete nach westlichen Standards sortiert. Am 13. Juni letzten Jahres hat die Siemens Dematic AG den NLZ-Auftrag im Wert von 39 Millionen Euro in einer Ausschreibung gegen ein japanisches Konsortium gewonnen. Seit 31. Oktober dieses Jahres läuft die Anlage. Die endgültige Abnahme ist für den 20. Februar 2004 vorgesehen.

Spätestens dann will Szivi László, Vizepräsident der ungarischen Post, die von der EU an sein Unternehmen gestellten Qualitätsanforderungen erfüllen können. Die entsprechende EU-Richtlinie sei schließlich bereits in nationales ungarisches Recht übergegangen, so der Experte. Mit der neuen Technik sei Magyar Posta in der Lage, „die eigene Qualität zu messen, schneller und billiger zu produzieren“, sagte László gegenüber dem Fördermittel Journal.

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Bisher wird die Post in Ungarn von Hand sortiert. Das ist nicht nur langsamer und teurer, sondern hat auch höhere Fehlerquoten. So nimmt durch die Automatisierung laut László beispielsweise „die Zahl der fehlgeleiteten Sendungen ab. Das stabilisiert die Qualität und gleichzeitig sinken auch die Kosten.“ Zwar werden auch künftig neben dem vollautomatisierten NLZ 18 kleinere Sortierzentren existieren, in denen weiter manuell gearbeitet wird. Doch mehr als 80 Prozent der Postsendungen sollen durch das neue Zentrum laufen. Weil die Sendungen dort allesamt gezählt werden und der Zeitpunkt ihres Eingangs registriert wird, ist die Post in der Lage, eine verlässliche Datenbasis sowohl für das eigene Controlling wie auch für die Dokumentation nach Außen zu erstellen.

Die technische Basis dazu bietet das NLZ, das auf eine Gesamtkapazität von mehr als drei Millionen Sendungen pro Tag ausgelegt ist. An Standardbriefen können gut 2,5 Millionen Stück täglich automatisch sortiert werden. Vier Maschinen übernehmen die Adresslesung und Videocodierung, vier weitere die Feinsortierung. Daneben steht eine Sortierananlage zur Verfügung, die mehr als 500.000 Großbriefe täglich auf 360 verschiedene Endstellen verteilt. Sollte eine Adresse nicht maschinell lesbar sein, wird ein Bild der Adresse an einen der 56 Videocodierplätze übermittelt. Dort gibt ein Mitarbeiter die Postleitzahl ein. Die Information fließt zur Sortieranlage zurück, die den Brief - nur wenige Sekunden verzögert -automatisch weiterbefördert. Schließlich ist für das NLZ ein 220 Meter langer Kippschalensorter geplant, der pro Tag gut 74.000 Pakete auf 108 verschiedene Endstellen sortieren kann.

Die Behandlung von Briefen und Paketen in einem gemeinsamen Sortierzentrum ist laut ungarischer Post nötig, weil direkt am NLZ aufliefernde Großkunden beide Sendungstypen abgeben. Außerdem erfolgt der Transport der Sendungen aus den Postämtern nicht getrennt.

Szivi László lässt durchblicken, dass die ungarische Post nicht in der Lage gewesen wäre, ein solch komplexes Investitionsprojekt kostengünstig und in der vorgegebenen Zeit umzusetzen. Einzig das Grundstück für das NLZ hat die Post selbst besorgt. Und Siemens Dematic habe den Auftrag als Generalunternehmer nicht zuletzt auch deshalb bekommen, weil neben Planung, Realisierung und dreijährigem Wartungsvertrag auch die langfristige Finanzierung über einen Leasingvertrag mit angeboten worden sei.

Als Finanzpartner hob die Siemens Dematic AG die Siemens Financial Service mit im Boot. Das 1997 gegründete, einst als „Siemens-Hausbank“ bekannt gewordene Institut, ist heute in 30 Ländern aktiv und beschäftigt 1.376 Mitarbeiter. Und nur noch 40 Prozent der Aufträge kommen von Siemens selbst.