Quantensprung mit Anlauf

Identsysteme - Wenn RFID bei den großen Handelskonzernen erst einmal eingeführt ist, sieht die Welt anders aus. Transponder bis herunter auf Artikelebene erlauben die totale Kontrolle im Materialfluss. Die Technik hat sich bereits in vielen Spezialfällen bewährt. Kommt jetzt der Masseneinsatz?

30. September 2005

Wenn man bei den Anbietern einer so jungen Technologie wie der funkgestützten Identifikation von »alten Hasen« reden kann, dann ist Siemens einer. Bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten im Bereich der RFID aktiv, versucht der Konzern jetzt auch die Führung bei der für die nächsten Jahre von vielen erwarteten großen RFID-Welle zu übernehmen. Siemens will deshalb die Aktivitäten der verschiedenen Konzernbereiche auf diesem Gebiet bündeln.

Im Mittelpunkt stehen dabei die drei Bereiche A& , L& sowie Siemens Business Solutions. Während der Bereich »Automation and Drives« für die Produktionsautomatisierung zuständig ist, ist »Logistic and Assembly Systems« weltweiter Marktführer in der Automatisierung von Logistiksystemen. Der Schwerpunkt von Siemens Business Solutions liegt in der IT-Integration sowie in der Entwicklung von Systemlösungen. Was die Einsatzgebiete der RFID-Technik betrifft, lag bislang die Produktionsautomatisierung weit vorn. Hinzu kam schließlich die Automatisierung der innerbetrieblichen Logistikprozesse. Bei der unternehmensübergreifenden Logistik wird der Durchbruch in den nächsten Jahren erwartet.

Optimierung der Supply-Chain

Angetrieben wird die Entwicklung durch den Zwang, die Supply-Chain-Systeme der großen Handelskonzerne immer weiter zu optimieren. In die mit Hilfe funkgestützter Identifikation gesteuerten Netzwerke sind neben den Handelskonzernen auch die Logistikdienstleister und die Zulieferer integriert. 250.000 Schreib- und Lesegeräte wurden von Siemens bereits installiert. Das Marktvolumen für die nächsten drei Jahre wird in Westeuropa auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Die Akzeptanz für RFID-Lösungen lässt dabei immer noch zu wünschen übrig. Eine von Siemens vorgestellte Untersuchung ergab, dass die überwiegende Mehrheit der befragten Firmen offenbar noch nicht ernsthaft über eine Implementierung in den nächsten Jahren nachdenkt. Notwendig sei insbesondere, dass der Mehrwert der Integration von RFID-Systemen sowie der entsprechenden Optimierung der firmeninternen und -externen Abläufe deutlicher werde als bisher.

Was die Sympathie für die funkgestützte Identifikation anbelangt, bilden die Deutschen das Schlusslicht in Westeuropa, so die Studie. Es sei ohnehin nicht damit zu rechnen, dass der Barcode in den nächsten Jahren komplett abgelöst wird, obwohl die entsprechenden Voraussetzungen dafür vorhanden seien.

Siemens selbst präsentiert bereits eine ganze Reihe von Pilotprojekten, mit denen nachgewiesen werden soll, dass auch jetzt schon der Einsatz entsprechender Systeme lohnend sein kann. Das Versandhandelsunternehmen Otto nutzt beispielsweise eine RFID-Lösung von Siemens für das Warenverteilzentrum Hamburg im laufenden Betrieb. Dem anspruchsvollen Einsatz ging ein mehrmonatiger Testlauf voran, der die Wirtschaftlichkeit der Funketiketten nachwies.

Otto findet’s besser

Es zeigte sich, dass mit dem neuen System der Warenschwund reduziert werden konnte. Die Verpackung der hochwertigen Versandartikel wie Kameras, Handys und Schmuck erhält in der Otto-Zentrale RFID-Transponder. Diese werden auf dem Weg zum Kunden bei der zentralen Verladehalle in Hamburg und den Hermes-Versanddepots exakt identifiziert. Otto kann so den Transportweg der Ware lückenlos kontrollieren und den Verlust von Versandartikeln lokalisieren. »Wir können mit RFID deutliche Einsparungen erzielen, müssen den Einsatz aber wegen hoher Kosten strategisch gut planen,« so der Bereichsleiter Logistikplanung der Otto Group, Roland Nickerl. »Bei einem Transponderpreis von unter drei Cent würde es sich lohnen, rund die Hälfte unserer Artikel mit einem Funketikett auszustatten.« Aktuell sind etwa 80.000 Artikel aus dem beeindruckend umfangreichen Otto-Sortiment mit RFID-Transpondern versehen.

RFID in den nächsten JahrenWann beginnt die Zukunft?

RFID wird die Barcode-Technologie in den kommenden Jahren nicht vollständig ablösen, wenngleich das notwendige Potenzial durchaus vorhanden ist.

Um die Technologieumstellung und die damit verbundenen Investitionen zu rechtfertigen, muss RFID einen Mehrwert bieten.

RFID-Projekte sind komplex, da die Technologie in die Geschäftsprozesse integriert werden muss - eine nicht zu unterschätzende Aufgabe für die Entwickler.

Die Preise für Etiketten, Lesegeräte und andere erforderliche Komponenten werden aufgrund der vermehrten Projektanzahl, der größeren Projekte und der zunehmenden Standardisierung sinken.

Die meisten Argumente gegen RFID werden mit erhöhter Marktakzeptanz und der ständigen Verbesserung der Technologie verschwinden oder zumindest abgeschwächt werden.

Quelle: IDC GmbH

Erschienen in Ausgabe: 05/2005