Rasende Rosen

Ganz durch die Blume: Elektrohängebahnen

Die Kontraste könnten kaum deutlicher ausfallen als auf der Brücke, die den Nord- und den Südteil des riesigen Geländes von Bloemenveiling Aalsmeer (VBA) verbindet. Auf der unteren Ebene des 800 Meter langen Bauwerks herrscht chaotischer Verkehr mit einer ohrenbetäubenden Geräuschkulisse: Elektrotraktoren mit bis zu 30 Stapelwagen im Schlepp rattern über Betonpisten. Eine ganz andere Logistikwelt präsentiert sich dagegen auf dem oberen Brückensegment: EHB-Fahrwerke schweben mit ihrer Pflanzen- oder Blumenladung durch die mit Stahlprofilen ausgekleidete Röhre - schnell, sicher und lautlos.

03. Juni 2003

Gleich im Six Pack schwebt die von der Böblinger Unternehmensgruppe Eisenmann entwickelte Elektrohängebahn über das riesige Areal der VBA, der weltweit zweitgrößten Blumenversteigerung mit Sitz im niederländischen Aalsmeer. Jeweils sechs virtuell zu einem Wagenzug miteinander gekoppelte Fahrwerke sorgen für einen sanften und dennoch rasanten Transport von Blumen und Zierpflanzen: Mit einer Geschwindigkeit von 180 Metern pro Minute gilt das “Aalsmeer Shuttle“ als schnellste EHB der Welt.

Stapelwagen huckepack

Zwei fördertechnische Systeme, EHB und Elektrotraktoren, erfüllen die gleiche Funktion: Sie schleppen Rosen, Tulpen, Chrysanthemen, Nelken und anderes Ziergewächs von den Auktionssälen zu den Packräumen und Speditionszentren der Großhändler und Exporteure. Doch die Tage der stauträchtigen Treckergespanne sind gezählt. Durch die vor fünf Jahren begonnene Erweiterung seiner Verkaufsflächen nach Süden stellte sich für VBA die Frage nach einem effizienteren und leistungsfähigeren Transportmittel. Die Antwort fand sich in Form eines ausgefeilten Materialflußkonzepts und einer EHB, die Eisenmann als Generalunternehmer realisierte. Der Böblinger Engineering-Spezialist integrierte auf elegante Weise die traditionellen, mit dem Lkw durch ganz Europa reisenden Stapelwagen in eine automatisierte Lösung: Jedes EHB-Fahrwerk nimmt einfach einen der schon seit Jahrzehnten in der Blumen- und Pflanzenbranche eingeführten Stapelwagen huckepack.

Zeitersparnis

Die in den Engineering-Zentren von Eisenmann in Böblingen und Holzgerlingen komplett neu entwickelte EHB-Technologie reduziert pro versteigerter Blume die Transportkosten um etwa 20 Prozent. Sie arbeitet wirtschaftlicher als jedes moderne bodengestützte System. Und: Weder FTS noch Rollsteige könnten mit der gleichen Zuverlässigkeit, Verfügbarkeit und Geschwindigkeit so lange Distanzen überbrücken wie die EHB. Erst recht, wenn es darauf ankommt, autobahnähnliche Straßen, Deiche und Kanäle zu überqueren. Für solche Anforderungen ist das Shuttle prädestiniert. Für die mehrere Kilometer lange Strecke von den Kommissionierplätzen zu den Verladestationen der VBA-Kunden garantiert Eisenmann eine Fahrtzeit von maximal 25 Minuten. Die Spitzenzeit im Blumen- und Topfpflanzen-Handling über diese Distanz liegt bei unter 15 Minuten.

Geschwindigkeitsrekord

In ihrer hohen & pos;Performance& pos; steckt ein dickes Plus der für VBA maßgeschneiderten Technologie: Die Ingenieure des Fördertechnikanbieters schraubten die Höchstgeschwindigkeit ihres aktuellen Systems auf den Rekordwert von 180 Metern pro Minute. Dies entspricht einer Verdreifachung der bislang bei der EHB üblichen 60 Meter pro Minute. Theoretisch hätte die jüngste Entwicklung der Böblinger auch noch höhere Geschwindigkeiten geschafft. Doch in der Praxis hätte dies nur die Fahrtzeiten auf der Strecke reduziert ohne die Effizienz des komplexen Gesamtsystems zu erhöhen. Weichen, Übergabestationen oder Kehren hätten weiterhin als Flaschenhals fungiert. Trotz absoluter Top Speed hätten sich die Fahrwerke dort gestaut und den Durchsatz im EHB-Netz nicht nennenswert gesteigert. Angesichts des leicht verderblichen Transportguts legten die Ingenieure des VBA-Projekts jedoch ihr größtes Augenmerk auf optimale & pos;Performance& pos; der kompletten Anlage. Umfangreiche Computersimulation und aufwendige Tests in den Erprobungs- und Versuchslaboratorien von Böblingen und Holzgerlingen führten zum von Eisenmann patentierten Fahren im Pulk. Es verbessert den Durchsatz im Vergleich zum Einzeltransport um ein Vielfaches.

Kreuzungsfrei koppeln

Im Fall von VBA bilden jeweils sechs EHB-Fahrwerke einen Wagenzug mit einem gemeinsamen Ziel. Die Pulkbildung erfolgt ausschließlich rechnergesteuert. Eine mechanische Kupplung der Fahrwerke hätte die Leistungsfähigkeit und Flexibilität des Systems zu sehr eingeschränkt. An den Übergabestationen agiert jedes Fahrwerk noch als Individuum, um die per Bodenförderer aus den Auktionshallen kommenden Stapelwagen aufzunehmen . Dabei assistiert eine Querförder- und Hebereinheit, in die die mit Blumen und Topfpflanzen beladenen Stapelwagen einzeln einfahren. Durch entsprechende Barcodes lassen sie sich eindeutig identifizieren und zuordnen. Die in den Scan-Balken enthaltene Information wird beim Einsetzen der Stapelwagen in die EHB-Fahrwerke automatisch ausgelesen und für die Zusammenstellung der Pulks genutzt. Deren Reise führt zunächst über die Brücke zum “Spaghetti“. So heißt der große EHB-Verteilknoten, der mit seinem Neben- und Übereinander von Schienen, Weichen und Kreuzungen Assoziationen mit dem bekannten italienischen Nudelgericht weckt. Vom “Spaghetti“ aus geht es weiter in die einzelnen Kundenbereiche. Dort löst die Elektronik die Six Packs auf. Ein Hebersystem schleust jeden Stapelwagen einzeln aus den EHB-Fahrwerken. Letzter Akt: Je nach Destination stellt der Großhändler die Stapelwagen neu zusammen. Anschließend verschwinden sie auf der Ladefläche eines Lkw, um zu Blumenmärkten und Pflanzenfachgeschäften in ganz Europa zu gelangen.

Pro Stunde verlassen 120 Lkw die Hallen von Aalsmeer. In der gleichen Zeit muß das Logistiksystem über 2 600 Stapelwagen bewegen. Leere Stapelwagen werden an den Terminals der EHB automatisch zusammengestellt. Die zu den Kommissionierplätzen im Bereich der Versteigerungsuhren zurückkehrenden Stapelwagen fahren ebenfalls im Sechser-Pulk. Selbstverständlich besitzt das “Aalsmeer Shuttle“ auch die Möglichkeit, jedes Fahrwerk einzeln oder in Gruppen von weniger als sechs Stapelwagen auf die Reise zu schicken. Meist ist dies aber nicht nötig, denn der Six Pack bietet größtmögliche Flexibilität. Es kommt zum Beispiel regelmäßig vor, daß Händler noch vor Ort Geschäfte mit anderen VBA-Kunden abwickeln. Dann bringt die EHB erst die gesamte Charge in das Depot des Ersteigerers. Anschließend reicht sie die Ware weiter, die dieser davon unmittelbar nach der Auktion an andere Händler verkauft hat. Ähnlich verfährt das System mit Fehlchargen.

Service inklusive

Eisenmann baute nicht nur die neue EHB, sondern übernimmt auch ihre komplette Wartung. Dazu unterhalten die Böblinger eine zwölfköpfige Service-Mannschaft in Aalsmeer. Ausgeklügelte By-Pass-Lösungen und Umleitungsstrecken, die die fünf EHB-Hauptstränge entlasten, sorgen dafür, daß im Störungsfall nicht gleich die gesamte Fördertechnik stillsteht. Spezielle Wartungsstege erleichtern den Zutritt für Monteure, um Fehlfunktionen so rasch wie möglich zu beheben. Dank der einzigartigen modularen Konstruktion, die seit Jahren zum Eisenmann Standard gehört, lassen sich alle Teile problemlos und schnell austauschen. Die vorbeugende Instandhaltung arbeitet mit hochmodernen Diagnosegeräten, um Verschleißfaktoren wie zum Beispiel den Wechsel der Schleifkohle rechtzeitig zu ermitteln. Diese Wartungsfreundlichkeit floß von vornherein in das Grundkonzept der Anlage ein. Über ISDN und das sowohl im LAN als auch im Internet verwendete TCP/IP-Protokoll läßt sich das EHB-System überdies komfortabel von jedem Büro-PC aus fern warten.

Intelligentes Steuerungskonzept

Die hohe Verfügbarkeit des “Aalsmeer Shuttle“ beruht nicht allein auf seiner soliden Hardware, sondern auch auf dem intelligenten Steuerungskonzept der Eisenmann-Ingenieure. Die rasanten Geschwindigkeiten, die die EHB erzielt, insbesondere aber das Fahren im Pulk, stellte sie vor ganz neue Herausforderungen. Daraus entsprangen zahlreiche Innovationen und pfiffige Lösungen, etwa bei der Weichensteuerung oder der Abstandssicherung. So helfen kurvengängige Sensoren Kollisionen zu vermeiden. Den frei programmierbaren Abstand zum “Vordermann“ regelt die Fahrwerkelektronik automatisch. Die von Eisenmann entwickelte Steuerung verfügt über eine offene Systemarchitektur und eine einheitliche Programmiersprache. Das von jedem Fahrwerk generierte “Lebenstelegramm“ offeriert vielfältige Diagnosemöglichkeiten. Alle Auswertungen lassen sich grafisch darstellen. Visualisierungen des gesamten Fahrkurses, einzelner Streckenabschnitte und diverser Statusmeldungen zeugen von der hohen Benutzerfreundlichkeit der Anlage. Ein serielles CAN-Bus-Interface übernimmt die Kommunikation zwischen Fahrwerks-Controller und stationärer Steuerung. Dadurch lassen sich die Weichen in Echtzeit direkt vom Fahrwerk aus schalten. Gleichzeitig verbessert sich die Diagnosefähigkeit des Systems. Der Wartungsservice kann an jeder beliebigen Stelle Daten auslesen oder ganze Kennfelder ändern. Und gerade für VBA, wo noch weitere Bauabschnitte anstehen, von großer Bedeutung: Das System läßt sich unbegrenzt erweitern. Neue EHB-Fahrwerke und weitere Strecken lassen sich problemlos integrieren.

Mit dem jetzt in Betrieb genommenen ersten Bauabschnitt besitzt VBA ein EHB-Schienennetz von elf Kilometer Länge. Bis 2004 wird Eisenmann die bestehenden Strecken um weitere sieben Kilometer erweitern. Parallel dazu verdoppeln sich die jetzt bereits vorhandenen 650 Fahrwerke auf 1.300. Dann wird das “Aalsmeer Shuttle“ nicht nur die schnellste, sondern auch die längste EHB sein. Das letztere Prädikat muß sich der Sprinter von Aalsmeer noch mit dem ebenfalls von den Böblingern gebauten EHB-System der Ford Fiesta-Produktion von Köln-Niehl teilen.

Erschienen in Ausgabe: 01/2003