Interview

Relevanz von Emotionaler Intelligenz steigt

Deutsche Unternehmen liegen beim Trainingsangebot zu Emotionaler Intelligenz über dem internationalen Durchschnitt. Christian Michalak, Lead Procurement Transformation Central Europe bei Capgemini Invent, erklärt „logistik journal“, warum.

27. November 2019
Relevanz von Emotionaler Intelligenz steigt
Christian Michalak, Lead Procurement Transformation Central Europe bei Capgemini Invent. (© Capgemini Invent)

Neue Technologien automatisieren in der Geschäftswelt mehr und mehr herkömmliche Tätigkeiten und Routineaufgaben. Bei Führungskräften wie auch betroffenen Mitarbeitern reift daher die Erkenntnis, dass Emotionale Intelligenz – und damit Fähigkeiten wie Selbstreflexion, Selbstmanagement, soziales Bewusstsein und Beziehungsmanagement – eine Kernkompetenz für den Erfolg im digitalen Zeitalter ist. Herr Michalak, wie sehen Sie das?

Die Relevanz von Emotionaler Intelligenz wird in Deutschland wie international in den nächsten Jahren um ein Vielfaches steigen. Zu diesem Schluss ist das Capgemini Research Institute in der Studie „Emotional Intelligence – the essential skillset for the age of AI“ gekommen. Viele Unternehmen achten bei Personal-Einstellungen, ihrer Kultur und Mitarbeiter-Trainings allerdings noch nicht oder zu wenig auf Emotionale Intelligenz – und können so auch nicht von ihren positiven Effekten auf Mitarbeiterzufriedenheit, Umsatzgenerierung, Fluktuation und Kostensenkungen profitieren.

Wird Emotionale Intelligenz zum Must-have?

Da Routineaufgaben zunehmend automatisiert werden können, werden Fähigkeiten aus dem Bereich Emotionale Intelligenz – wie Selbstreflexion, Beziehungsmanagement und Kommunikationsgeschick –sehr viel wichtiger: Mehr als zwei Drittel der Führungskräfte etwa finden, dass Mitarbeiter ihre Emotionale Intelligent ausbauen sollten, um besser für Jobs geeignet zu sein, in denen Teamarbeit, der Kontakt mit Kunden- und allgemein Personen eine große Rolle spielt. Die allermeisten Unternehmen sehen in einer hochgradig emotional intelligenten Belegschaft eine Basis für Erfolg in den nächsten Jahren. Entsprechend glauben global auch über 60 Prozent der Führungskräfte – in Deutschland allerdings weniger als jeder zweite, dass Emotionale Intelligenz innerhalb der nächsten fünf Jahre zum Must-have wird. Bei den nicht-leitenden Angestellten sind es etwas über 40 Prozent weltweit und annähernd ein Drittel in Deutschland.

Sind Mitarbeiter in Sorge vor Automatisierungseffekten?

Ja, das kann man so sagen – gerade die Jüngeren machen sich Sorgen: Unter den Millennials geht jeder zweite davon aus, dass seine Fähigkeiten durch Künstliche Intelligenz und Automatisierung eigentlich schon überflüssig sind oder es in den nächsten drei Jahren werden. Insgesamt glauben das weltweit fast 40 der Mitarbeiter, in Deutschland nicht beinahe Dritte.

Profitieren Unternehmen mit emotional intelligenter Belegschaft?

Ja, aber auch die Mitarbeiter selbst sind in emotional hochintelligenten Teams zufriedener. Unternehmen werden durch sie produktiver und haben höhere Gewinne – es lohnt sich also auf ganzer Linie, die Emotionale Intelligenz der eigenen Mitarbeiter zu fördern und auch in sie zu investieren.

Entsprechen Personalprozesse Ihrer Meinung nach dem digitalen Zeitalter?

Hier sollten Unternehmen vor allem an ihre nicht-leitenden Mitarbeiter denken – denn ihre Rollen wird die Automatisierung am wahrscheinlichsten beeinflussen. Wenn Personaler neue Mitarbeiter einstellen, schauen bisher nicht einmal zwei von fünf darauf, wie es um die Emotionale Intelligenz der Bewerber steht – genauso, wenn sie ihre Mitarbeiter bewerten.

Was Mitarbeiter-Trainings in Emotionaler Intelligenz angeht, gehen die Unternehmen in Deutschland schon deutlich in die richtige Richtung: Sie bieten ihren Mitarbeitern über alle Hierarchieebenen hinweg mehr Trainings an, als international üblich. Besonders deutlich wird diese Besonderheit bei Mitarbeitern ohne Führungsverantwortung: Sie bekommen entsprechende Trainings international nur bei 17 Prozent der Unternehmen, in Deutschland aber bei fast jedem Dritten.

Zu welchem Ergebnis kommen die Studienautoren?

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Unternehmen durch ihr Personalmanagement dringend die Emotionale Intelligenz ihrer Mitarbeiterschaft aktiv fördern und eine Kultur ausprägen sollten, die alle Fähigkeiten in diesem Bereich wertschätzt und belohnt. Es zahlt sich aus.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Studie steht hier zum Download für Sie bereit.