RFID: Eine Technologie auf dem Vormarsch

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Zwischenbilanz - Auch wenn es ruhiger geworden ist um die Radio Frequenz Identifikation: Ihr Einsatz schreitet weiter voran. So jedenfalls lautet die Zwischenbilanz aus dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik.

30. November 2010

Um das Thema Radio Frequenz Identifikation (RFID) scheint es etwas ruhig geworden zu sein. Vor einem Jahr neben der »Cloud« allgegenwärtig innerhalb der Logistikbranche, scheint der Hype nun vorbei zu sein. Bei den Seecontainern war das vor zwei Jahren ähnlich; nachdem Unmengen verschrottet worden waren, wurden sie mit Beginn der wirtschaftlichen Erholung wieder gebraucht – und fehlen jetzt an allen Knoten und Kanten. Bei RFID ist es ähnlich und doch anders: Ein Blick in die RFID-Fachmedien und die Unternehmen zeigt: Nahezu geräuschlos beginnt die Transpondertechnologie, zum ganz großen Sprung anzusetzen. Die Politik will dies unterstützen: Im Rahmen der Europäischen Union stand ab 15. September das weltweite Roll-out des »Internet der Dinge« auf dem Programm. Und China wird ganz vorne mit dabei sein.

Schon wieder RFID. Mancher kann und will es nicht mehr hören, lesen, sehen. Dabei könnte man bei RFID von einer kontaktlosen Basistechnologie sprechen, die im Sinne Kondratieffs die notwendige Grundlage darstellt, um individuelles, nachhaltiges weltwirtschaftliches Wachstum in der Logistik zu ermöglichen. So wie der Seecontainer, kriegsbedingt, nach 1945 den ersten Standard im Seehandel setzte, die Abläufe mittels quasi vollautomatischer Abläufen im Umschlag ermöglichte, kommen die ersten Ansätze von RFID auch aus wenig friedlichen Zeiten: zur Freund-Feind-Erkennung von Flugzeugen, ebenfalls im Zweiten Weltkrieg. Und die Wurzeln der neuzeitlichen Logistik liegen bekanntlich auch im militärischen Sektor. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sich selbst steuerndes Paket

»Die Logistik ist bunt.« Ein schlanker Satz von Professor Dr. Michael ten Hompel, Geschäftsführender Leiter des Fraunhofer-Ins- tituts für Materialfluss und Logistik (IML), Professor an der Technischen Universität Dortmund und Initiator des BMBF-Projektes »Internet der Dinge«. Dort, in diesem greifbaren Netz, ist das per RFID sich selbst steuernde Paket eine zentrale treibende Kraft.

Logistik ist überall drin. Bei RFID beginnt sich das in fünf Jahren ebenso als selbstverständlich abzuzeichnen. Neben den schon realisierten und vielfältigen Anwendungsbeispielen in allen Branchen – wie Bankwesen und öffentliche Bibliotheken, Payback- und Kundenkarten, Wegfahrsperren und Zugangsberechtigungen – reichen die teilweise geschlossenen Insellösungen, denen wir schon länger begegnen, weit in unseren Alltag hinein. Und die Basistechnologie für kontaktlose Identifikation und Kommunikation wird immer mehr Anwender finden. Sei es die Sparkassenfinanzgruppe, die ab Mitte 2011 das kontaktlose Bezahlen mit der Girocard einführt, sei es der neue deutsche Personalausweis mit Identifikationsfunktion auch für die elektronische Signatur die nützliche Technologie gewinnt schrittweise Bedeutung für unser alltägliches Leben.

Auf den Blickwinkel kommt es an

»Es ist an der Zeit, die Welt aus logistischer Perspektive zu sehen.« Auch dieser Satz stammt von Michael ten Hompel. Und dabei wird der elektromagnetische Chip eine wichtige Rolle spielen. Das rief auch Gegner auf den Plan. Immer wieder äußerten die Datenschutzbeauftragten – wie Thilo Weichert oder Peter Schaar – Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der Datensicherheit. Apropos Sicherheit: Jüngst hat der Chaos Computer Club am Frankfurter Flughafen das Sicherheitssystem geknackt. Wohl gemerkt: vor den versuchten Anschlägen.

Was hat das mit RFID zu tun? Nun, ein nicht manipulierbarer, sicherer Chip, der eindeutig Herkunfts- und Bestimmungsort ausweist – um bescheiden anzufangen – könnte hier schon helfen. Das Ziel: die Unüberschaubarkeit auch in anderen Bereichen unseres Alltags, an der nach Meinung mancher nicht zuletzt das Komplexitätsmonster Logistik Schuld ist, wieder »beherrschbar« machen. Einspruch kommt hier merkwürdigerweise aus Dortmund: »Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, alles kontrollieren zu können und zu wollen«, sagt Professor Dr. Michael ten Hompel.

Nun ja, der vor rund zehn Jahren angekündigte getagte Joghurtbecher, der im smarten Kühlschrank das Ablaufen seines Mindesthaltbarkeitsdatums ankündigt, ist noch nicht Wirklichkeit. Bei Medikamenten wäre das schon wichtiger. Im Krankenhaus in Bochum werden Babies mit einem Chip versehen, um sie nicht zu verwechseln. Kampfhunde wurden in Nordrhein-Westfalen als erste »gechipt« gut so. Heute sind Katzen getagt. Die RFID-gesteuerte Katzenklappe steht kurz vor der Markteinführung.

RFID hat Wünsche geweckt

Neben Bedenken hat RFID auch Wünsche geweckt: von der dynamischen Inventur nicht nur in Bibliotheksverbünden wie im Freistaat Bayern bis hin zur kompletten Sendungsverfolgung via Satellitennavigation, die für Lebensmittel seit 179/2001 Rechtsanspruch für jeden EU-Bürger bedeutet. Vor dem Hintergrund der in der Luftfracht durch Anschlagsversuche festgestellten und letztlich unverantwortlichen Sicherheitsmängel könnte RFID einen weiteren Schub erhalten. Lufthansa Cargo hat mit dem Fraunhofer IML den Schritt zum getagten ULD vollzogen. Sicherlich ist es mit der Technologie allein nicht getan: Hier bedarf es internationaler Kooperation zwischen privaten Unternehmen und öffentlichen sowie staatlichen Institutionen – übrigens auch in Herkunftsländern von Rohstoffen oder Rosen (die Skorpionen schon mal gern als Schlafwagen für globale Transporte per Luftfracht dienen brauchen wir die eigentlich?).

Antworten auf wichtige Fragen

Wo ist RFID sinnvoll, wo bezahlbar und wo notwendig? Weitere Fragen und natürlich auch die Antworten darauf haben das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik und die TU Dortmund ab 2011 in vielfältiger Weise parat. »In einem der größten Projekte, die überhaupt zu dem Thema existieren«, sagt Prof. Dr. Michael ten Hompel, »arbeiten wir mit Partnern aus ganz Europa an der künftigen Architektur des ›Internet der Dinge‹.« Und mit dem neuen »openID-center 3.0« und der Forschungshalle für Zellulare Fördertechnik mit dem weltweit größten Versuch künstlicher Intelligenz wird RFID als Innovations- und Wachstumstreiber ganzheitlich anschaulich. Schauen Sie, lieber Leser, doch mal in Dortmund vorbei. Oder in das Fraunhofer-IML-Magazin »Logistik entdecken«, speziell vielleicht in die Sonderausgabe »Fünf Jahre openID-center«. Ralf-Friedrich Neuhaus

Daten & Fakten

Das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik ist in drei Bereiche gegliedert: Materialfluss-Systeme, Unternehmenslogistik sowie Logistik, Verkehr und Umwelt.

Institutssitz ist Dortmund. Die Leitung liegt bei Prof. Dr. Michael ten Hompel, Prof. Dr.-Ing. Axel Kuhn und Prof. Dr.-Ing. Uwe Clausen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2010