RoRo im Presswerk

Cargo-Trailer - Im Presswerk 1 von Volkswagen in Wolfsburg wird Schwergewichtiges transportiert - Coils, Blechplatinen, Werkzeuge. Ein geradezu ideales Aufgabengebiet für das Cargo-Trailer-System.

20. April 2006

Mit dem Prädikat »bahnbrechend« sollte man eher zurückhaltend umgehen. Das von Mafi in den 60er-Jahren entwickelte Roll-on-/Roll-off-System allerdings verdient diese Bezeichnung. RoRo setzte Maßstäbe in der weltweiten Handelsschifffahrt, denn das System erlaubt besonders schnelles Be- und Entladen. Der Name macht es deutlich: Die Güter, die auf so genannten Rolltrailern stehen, werden einfach mit einer Zugmaschine über die Schiffsrampe gerollt, statt sie mit einem Kran an oder von Bord zu hieven. Als Kuppelglied zwischen Zugfahrzeug und rollender Plattform dient ein Schwanenhals. Der durchschlagende Erfolg des RoRo-Prinzips - weltweit heißen die Rolltrailer jeglicher Bauart einfach nur Mafis - veranlasste den Tauberbischofsheimer Lieferanten, aus dieser Lösung das Cargo-Trailer-System für den speziellen Einsatz in der Industrie zu entwickeln, für unterschiedliche Lasten und mit diversen Zugfahrzeugen, Schwanenhälsen und Trailern. Auch das Cargo-Trailer-System benötigt nur einen Mitarbeiter, den Fahrer nämlich, der von seinem Fahrzeug nicht einmal absteigen muss. So vielfältig, wie die Güter in Art, Größe und Gewicht sein können, so groß ist auch die Auswahl an Cargotrailern und deren Aufbauten. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind nur am hinteren Teil mit Rädern bestückt und damit wartungsarm und robust. Als Zugmaschinen werden bei sehr schweren Lasten Fahrzeuge mit Dieselantrieb, die so genannten Mafi-Tracs eingesetzt, die den Schwanenhals mit ihrer Hubsattelkupplung aufnehmen.

Verzögerungsfreie Abläufe

Benötigt man einen abgasfreien und geräuscharmen Betrieb, zum Beispiel in Hallen, kommt der Elektro-Zugkopf mit angebautem hydraulischen Schwanenhals zum Einsatz, entweder in der Version mit Fahrersitz oder deichselgeführt. Schließlich lässt sich sogar ein Gabelstapler als Zugfahrzeug einsetzen. Man braucht dazu lediglich einen speziellen Gabelstapler-Schwanenhals, der von den Gabelzinken aufgenommen wird und so das Transportieren von Systemlasten erlaubt, die etwa dem Dreifachen der Stapler-Tragfähigkeit entsprechen.

Das Ankuppeln des Zugfahrzeugs an einen Trailer ist eine Angelegenheit von wenigen Sekunden. Die speziell geformte Zunge des Schwanenhalses wird in das Kupplungsmaul des Cargo-Trailers eingefahren und angehoben. Auf diese Weise wird die Verbindung zwischen Schwanenhals und Trailer in Form einer reibschlüssigen Momentenkupplung hergestellt und der Trailer vorne vom Boden abgehoben. Damit ist die Einheit fahrbereit. Das Cargo-Trailer-System für die Industrie hat sich bestens bewährt, zum Beispiel im Volkswagen-Konzern. Schon 1984 im Werk Baunatal eingeführt, nutzt der Automobilhersteller heute konzernweit über 15 Elektro-Zugköpfe mit Sattellasten von 10 und 16 Tonnen und mindestens 200 Mafi-Cargo-Trailer in den Tragkraftklassen von 20 bis 50 Tonnen.

Im Presswerk 1 von VW in Wolfsburg arbeiten heute fünf Schnittanlagen, drei Formschnittanlagen, zwei Ablänganlagen und elf Pressenstraßen. Bis auf einige Ausnahmen, bei denen die Materialversorgung mit Staplern erfolgt, erledigt das Cargo-Trailer-System sowohl den Material- als auch den Werkzeugtransport des gesamten Bereichs. Bei dem Material handelt es sich vor allem um 21 Tonnen schwere Coils und 10 Tonnen schwere Platinenstapel. Das Be- und Entladen der Trailer geschieht überwiegend per Kran. Der EF-CSH 16 mit seinem kardanisch aufgehängten Schwanenhals ist ein robustes, dreirädriges Gerät mit Fahrersitz. Der Arbeitsplatz ist quer zur Fahrtrichtung angeordnet. So hat der Fahrer stets eine gute Übersicht in drei Richtungen. Die rückwärtige Längsseite hat der Mitarbeiter über Spiegel im Blick.

Zwei Drehstrommotoren

Dank der beiden Drehstrommotoren mit je 12 kW Leistung kann die Zugmaschine nicht nur Cargo-Trailer bis zu einem Gesamtgewicht von 50 Tonnen im Dauerbetrieb ziehen oder schieben. Auch die Geschwindigkeitswerte sind beachtlich: 4 km/h mit Maximallast, 10 km/h ohne Last. Durch die Dreiradbauweise und den Lenkeinschlag von plus/minus 90 Grad ist nicht nur der Elektro-Zugkopf mit einem Wenderadius von rund 2,65 Metern äußerst wendig, sondern die gesamte Zugeinheit. Zudem bewirkt die kardanische Aufhängung des Schwanenhalses eine gleichmäßige Radbelastung und gute Standfestigkeit in allen Fahrstellungen.

Sollte der EF-CSH 16 einmal nicht einsatzbereit sein, so bieten sich im Presswerk 1 redundante Lösungen an. Zum einen steht der EF-CSH 10 bereit, der aber aufgrund seiner Konzeption - er verfügt beispielsweise nicht über Drehstrommotoren, sondern über einen elektrohydraulischen Antrieb - nur Systemlasten bis 32 Tonnen verfahren kann. Zum anderen nutzt man auch bei Volkswagen gegebenenfalls die Möglichkeit, mit einem Stapler samt Gabelstapler-Schwanenhals das Cargo-Trailer-System einzusetzen.

Mafi Transport-Systeme

Ausgewiesene Kapazitäten mit hoher Kapazität

In Verbindung mit der neuen Fertigungsorganisation versetzte der engagierte Ausbau des bewährten Standortes Tauberbischofsheim das Haus Mafi in die Lage, seine Produktionskapazität um 100 Prozent zu steigern. Auf einem Areal von 70.000 qm sind 45.000 qm überbaut, davon 20.000 qm mit Produktionshallen. Hier befinden sich die mechanische Fertigung des Unternehmens sowie ein Stahlbau- und Montagebetrieb. Rund 15 Prozent der Mitarbeiter von Mafi sind im Bereich Entwicklung und Konstruktion beschäftigt.

Erschienen in Ausgabe: Fördertechnik/2006