"Schönheit kommt von innen"

Markt

Management - Was macht eine Marke aus? Und wie führt man sie in die Zukunft?Jens Karolyi, in der Konzernleitung von Interroll zuständig für Marketing und Corporate Culture, kennt die Antworten.Gesprächspartner: Michael Weilacher

02. November 2016

Ich bin in einem internationalen Konzern (Ericsson; Anmerkung der Redaktion) groß geworden und habe das Unternehmen von der Pike auf kennengelernt. Dabei führte mich mein Weg vom Aushilfsstudenten bis zum Marketingchef für eine ganze Region. In der Zentrale war ich zu stürmischen Zeiten tätig. Das war wirklich eine Krise damals. Nachdem ich auch starke chinesische Konkurrenten kennengelernt hatte, bin ich wieder zurückgegangen in eine Markteinheit von Ericsson. Irgendwann habe ich aber realisiert, dass ständige Strategiewechsel und die Abhängigkeit vom Finanzmarkt auf Dauer nichts für mich sind. Das hat durchaus auch mit Glaubwürdigkeit zu tun. Den Unternehmen oder Mitarbeitern immer neue Geschichten erzählen zu müssen, das ist nicht gerade eine erfüllende Aufgabe.

In so einer Situation muss man handeln.

Das hat ein anderer für mich getan. Just als ich dabei war, mich neu zu orientieren, klingelte das Telefon, und der Anrufer, ein Headhunter, erzählte mir von einem interessanten Unternehmen in einer spannenden Branche und mit Hauptsitz in einem Land, das ich schon damals gut kannte – die Schweiz. Dort hatte ich bereits fünf Jahre zuvor gelebt und immer wieder spannende Projekte realisieren dürfen. Alles andere war neu für mich, klang aber interessant. Dass meine Entscheidung, 2011 zu Interroll zu wechseln, richtig war, können Sie daran erkennen, dass wir hier und heute dieses Gespräch führen. Die Intralogistik ist eben eine faszinierende Branche.

Um das festzustellen, mussten Sie Ihr neues Unternehmen und Ihre neue Branche aber erst mal kennenlernen.

Den ersten Termin Interroll betreffend hatte ich mit dem erwähnten Headhunter. Bei meinem zweiten Interview dann habe ich Paul Zumbühl (CEO von Interroll; Anmerkung der Redaktion) kennengelernt. Bei diesem Treffen habe ich das Unternehmen wirklich gespürt und habe dann alles darangesetzt, für Interroll arbeiten zu dürfen.

Ihre Entscheidung zugunsten von Interroll hatte also direkt mit dem Manager Paul Zumbühl zu tun?

Ich weiß nicht, ob Sie das soschreiben wollen, aber gesagt habe ich es schon immer: Den Ausschlag gab Paul Zumbühl.

Wie, Herr Karolyi, muss man sich Marketing für Interroll vorstellen? Was macht Ihre Aufgabe im Unternehmen so spannend?

Interroll ist ein Hidden Champion. Ohne es zu wissen, begegnet man dem Unternehmen auf Schritt und Tritt, ob das nun am Flughafen ist oder in einem Lagerhaus, in der industriellen Produktion oder bei der Lebensmittelherstellung. Es ist diese Vielfalt an Produkten, gepaart mit dem hohen Mehrwert, den der Kunde aus ihnen ziehen kann, die das Marketing für Interroll so interessant machen. Wir sind überall präsent. In manchen Märkten haben wir einen Anteil von 80 Prozent. Aber natürlich ist diese Präsenz nicht direkt sichtbar. Weil wir ein wichtiger Lieferant von Systemintegratoren sind, arbeiten unsere Produkte und Systeme oft im Verborgenen. Das war auch der Grund, weswegen ich mich anfangs mit Interroll und seinem Portfolio erst mal vertraut machen musste.

Das dürfte vielen so gehen. Wer weiß schon, dass man auch an der Supermarkt-Kasse auf Interroll stößt.

Richtig, 60 bis 70 Prozent der Antriebe unter dem Band stammen von uns. Aber das nimmt natürlich niemand wahr, selbst viele unserer Mitarbeiter nicht. Genau das meine ich, wenn ich von Interroll als Hidden Champion spreche. Als Marketing-Mann ist es unter anderem meine Aufgabe, diesen Champion aus seinem Versteck zu holen, ihn stärker ins Bewusstsein unserer Kunden zu rücken.

Das kann nicht ganz einfach sein.

So ist es. Wir halten uns strikt daran, dass wir an Systemintegratoren respektive OEMs liefern. Wir treten nicht als Generalunternehmer auf, sondern liefern passende Produkte für die Lösung, die der Systemintegrator für seine Endkunden braucht.

Interroll ist ein global tätiges Unternehmen. 2017 wollen Sie auch in Mexiko eine eigene Landesgesellschaft gründen. Auch sie muss in Sachen Marketing unterstützt werden. Wie werden Sie dieser Aufgabe gerecht?

Sie haben recht, Interroll ist eine globale Marke. Und zu unseren Kunden gehören auch Firmen in Mexiko, darunter nicht nur Systemintegratoren, sondern auch deren Endkunden, Henkel zum Beispiel. Es ist ein großer Vorteil, immer wieder in Märkte eintreten zu können, in denen bereits eine gewisse Geschäftstätigkeit etabliert ist, wo uns Referenzen oder direkte Kontakte beim Wachstum helfen.

Sie gehen also zunächst dorthin, wo bereits Kunden von Interroll sind?

Wir sind dort, wo unsere Kunden sind, respektive dort, wohin sie gehen wollen. In diesen Tagen etwa schauen wir uns Südost-asien genauer an. Fest steht: Wir werden auch dort weiter investieren und unsere Präsenz ausbauen. Mexiko liegt auch deshalb nahe, weil amerikanische Unternehmen in ihr Nachbarland gehen, um dort zu produzieren. Über die Automobilindustrie in Mexiko müssen wir ja nicht reden. Aber es gibt auch eine große Hightech-Branche in Mexiko. Insgesamt also eine der Weltregionen mit Branchen, die für uns spannend sind. Wegen der dortigen Endmärkte für Interroll, aber auch mit Blick auf die Systemintegratoren, die sich jetzt auch in Mexiko etablieren. Wir kennen sie aus anderen Ländern und arbeiten zur Freude aller gut mit ihnen zusammen.

Was ist mit anderen Märkten, Italien etwa?

Italien ist ein Markt, in dem man in unserer Industrie präsent sein muss. Vor allem, wenn man sieht, wie viel Systemintegration dort stattfindet, wie sich das Land als Markt für Intralogistik entwickelt. Dort präsent zu sein oder es zu werden, ist nahezu unerlässlich. Früher kam es vor, dass der Systemintegrator anrief und sagte: »Jetzt kommt auch zu uns und lasst uns Geschäfte miteinander machen«.

Klingt wunderbar.

Ja, das ist es auch. Allerdings darf man nicht vergessen, dass auch Interroll sich seinen Status in der Branche hart erarbeiten musste. Im Übrigen gibt es auch Länder beziehungsweise Regionen, in denen sich die Arbeit deutlich schwieriger gestaltet, in denen keine oder noch keine international tätigen Systemintegratoren präsent sind. Das sind dann die sogenannten Greenfields für uns. Dort reden wir mit den lokalen Integratoren und mit den im Land ansässigen OEMs.

Auch dort gibt es für einen Marketingchef sicher viel zu tun. Und trotzdem haben Sie bei Interroll eine weitere Funktion inne: die des Senior Vice President Corporate Culture. Wie bringt man beides, Marketing und Corporate Culture, unter einen Hut?

Dazu fällt mir ein zwar banaler, aber doch zutreffender Spruch ein: Schönheit kommt von innen. Wir sind sicher, dass die Marke Interroll und ihre Positionierung nur deswegen so stark ist und noch stärker werden kann, weil wir die innere Kraft dazu besitzen, weil wir Mitarbeiter haben, die sich engagieren die sich engagieren, um die bestmögliche Leistung abzuliefern. Das versetzt uns in die Lage, überall auf der Welt die jeweils passenden Produkte aus unserem Portfolio anbieten zu können. Will sagen: Schönheit kommt tatsächlich von innen und nicht aus bunten Marketingblättchen, Anzeigen oder Messeauftritten.

Ist die Strahlkraft der Marke Interroll denn auch so groß, dass Ihr Unternehmen genügend Nachwuchs generieren kann? Viele Firmen, auch und gerade in der Intralogistik, haben ja mit gravierenden Nachwuchsproblemen zu kämpfen.

Wir erhalten viele Initiativbewerbungen, auch in der heutigen Zeit. Zudem stellen wir auch in den Ländern, in denen wir investieren beziehungsweise expandieren, neue Leute ein, in jedem Jahr um die 100. Auch das zeugt vom Wachstum des Unternehmens. Gleichzeitig bilden wir selbst aus und bieten interessierten Mitarbeitern Förderprogramme an. Insgesamt sind wir, das kann ich aus voller Überzeugung sagen, ein attraktiver Arbeitgeber mit flachen Hierarchien und kurzen Kommunikationswegen.

Arbeitet Ihr Haus, Herr Karolyi, auch mit Universitäten zusammen?

Aber ja, und zwar international. Doch nicht nur das. Interroll besitzt ein eigenes Forschungsinstitut, wir haben eine eigene Akademie, wir sind global unterwegs und können deshalb auch auf internationaler Ebene Jobs anbieten. Wir leisten finanzielle Unterstützung für MBAs, können Jobrotation anbieten und investieren in Führungskräfte-Trainings.

Das Unternehmen als gut funktionierende Familie?

Ja, das ist so. Wir liegen weiter unter der Größe von 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Viele Beschäftigte kennen einander. Und das gilt nicht nur für Mitarbeiter, die miteinander arbeiten. Paul Zumbühl, unser CEO, ist immerhin schon seit 16Jahren im Unternehmen und kennt fast jeden Mitarbeiter.

Noch mal: Das klingt regelrecht familiär.

Bei aller Professionalität und Kundenorientierung – das ist es auch. Was ist unsere Vision? Wie erledigen wir unsere Aufgaben? Welche Strategie verfolgen wir? All das bestimmt unser berufliches Zuhause. Die Dinge müssen klar sein, sonst funktionieren sie nicht. Womit wir wieder bei der Unternehmenskultur von Interroll wären. Die zentrale Rolle bei uns spielen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir können noch so tolle Fabriken bauen, noch so tolle Produkte entwickeln, am Ende kommt es immer auf die Menschen an. Dafür braucht es natürlich ein hohes Maß an Vertrauen.

Wie, Herr Karolyi, steht es denn um Ihr Vertrauen in die Märkte?

Wir wachsen und wollen weiter wachsen, was natürlich auch abhängig ist vom jeweiligen Zustand der Märkte. Prognosen sind diesbezüglich immer schwierig. Fest steht aber: Ohne die richtigen Mitarbeiter ist Wachstum sicher nicht möglich.

Aber Mitarbeiter machen zwangsläufig Fehler, so wie jeder Mensch eben.

Allerdings, das ist so, keine Frage. Aber wir bei Interroll lernen aus diesen Fehlern. Sie helfen uns, unsere Leistungen kontinuierlich zu verbessern. Kurze Entscheidungswege und unsere flache Hierarchie sind dabei ausgesprochen nützlich.

… aber bestimmt auch die Fähigkeit, bestimmte Entwicklungen zu antizipieren.

Richtig, betrachten Sie nur die rasante Entwicklung beim Einzelhandel mit Blick auf den E-Commerce. Da waren wir mit unseren Produkten von Anfang an ganz vorn dabei. Inzwischen haben wir eine Kompetenz aufgebaut, die wir global nutzen können.

Womit wir wieder beim Thema Wachstum wären. Denkt Interroll über weitere Akquisitionen nach?

Interroll ist immer bereit, Akquisitionen, die wirklich Sinn ergeben, durchzuführen. Unsere Kriegskasse ist gut gefüllt. Voraussetzung für eine Übernahme ist aber immer ein angemessener Preis und dass das Portfolio des zu übernehmenden Unternehmens unsere eigene Produktpalette sinnvoll ergänzt. Sieht man unsere Stellung innerhalb der Branche, können wir mit Recht behaupten, dass wir in unserem Segment der Anbieter von Schlüsselprodukten für die Intralogistik sind, der am globalsten agiert und am breitesten aufgestellt ist. Das bedeutet, keiner unserer Wettbewerber hat ein Portfolio, das aus Rollen, Antrieben, Fließlagern, Sortern und Förderern besteht, die er weltweit vermarktet. Das macht uns praktisch einzigartig. Trotzdem gibt es auch für Interroll noch viele Produkte und Märkte, die es zu entwickeln gilt.

Klingt nach viel Arbeit, die auf Sie zukommt. Bleibt da noch Zeit für Familie und ein Steckenpferd?

Ja, in meinem Fall ist die Gärtnerei das Steckenpferd.

Wir hätten Sie eher in einem schnellen Auto vermutet.

Ja, mit dem fahre ich zum Garten (lacht).

Erschienen in Ausgabe: 06/2016