Sensibler Rückbau

Krantechnik - Starker Riese in komplexem Einsatz: Im Kernkraftwerk Philippsburg helfen Hebezeuge von Stahl CraneSystems bei der Rückbau-Logistik. Dabei kommt unter anderem eine frequenzgeregelte Winde SHWF 8 des Krantechnikspezialisten Stahl CraneSystems mit einer Tragfähigkeit von 32 Tonnen auf einem Zweiträgerbrückenkran mit 20 Metern Spannweite zum Einsatz.

25. März 2019
Sensibler Rückbau
Der Schaltschrank ist aus korrosionsfreiem Edelstahl gefertigt, Farbbehandlung nicht nötig. (© Stahl CraneSystems)

Das von der EnBW betriebene Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) liegt am rechten Rheinufer, bei Flusskilometer 389. Der Siedewasserreaktor in Block 1 des Kernkraftwerks (KKP 1) war nach 32 Betriebsjahren einer der ersten acht Reaktoren, die im Zuge der Energiewende 2011 vom Netz gingen. Nach Abschluss des Genehmigungsprozesses im Mai 2017 begann der Rückbau dieser Anlage. Auch der Druckwasserreaktor in Block 2 (KKP 2) kommt dem Ende seiner Laufzeit näher und wird spätestens Ende 2019 abgeschaltet. Die hoch radioaktiven abgebrannten Brennelemente der beiden Reaktoren werden seit 2007 im Standortzwischenlager des KKP in geeigneten Behältern gelagert und sind vom Rückbau nicht betroffen.

Besondere Rückbau-Infrastruktur

Von der Gesamtmasse eines EnBW-Kernkraftwerks sind bis zu 98 Prozent konventionelle Wert- und Rohstoffe und nur ein bis drei Prozent schwach- bis mittelradioaktive Reststoffe. Die Gesamtmasse des Kernkraftwerks KKP 1 liegt bei circa 398.000 Tonnen, die von KKP 2 bei circa 783.000 Tonnen. Einen effizienten Umgang mit diesen Massen will die EnBW mit der Errichtung einer besonderen Rückbau-Infrastruktur ermöglichen: Auf dem Gelände des KKP werden ein Reststoffbearbeitungszentrum (RBZ) zur Behandlung der Reststoffe und ein Standort-Abfalllager (SAL) errichtet, in dem die radioaktiven Abfälle bis zur Inbetriebnahme des Endlagers »Schacht Konrad« bei Salzgitter lagern werden.

Die EnBW beauftragte im Januar 2017 Innokran, einen zertifizierten Partner von Stahl CraneSystems, mit der Installation dreier Krananlagen im Philippsburger Reststoffbearbeitungszentrum und Standort-Abfalllager. »Wir haben bereits 2012 unseren ersten Auftrag im Kraftwerksbereich verwirklicht und unsere Erfahrungen auf diesem Gebiet stetig erweitert«, erklärt Christoph Fischer, Geschäftsführer von Innokran. Im RBZ kommt eine frequenzgeregelte Winde SHWF 8 von Stahl CraneSystems mit einer Tragfähigkeit von 32 Tonnen auf einem Zweiträgerbrückenkran mit 20 Metern Spannweite zum Einsatz. Die Winde SHW 8 des Krantechnikspezialisten basiert auf dem Seilzugprogramm SH und ist für den Schwerlastbereich bis 160.000 Kilogramm ausgelegt.

Zugeschnittene Lösungen

Dank robuster und wartungsarmer Konstruktion ist sie nach Angaben von Stahl CraneSystems bestens für den Arbeitsalltag ausgelegt. Durch den modularen Aufbau der Winde sind verschiedene Bauformen und Fahrwerkvarianten möglich, die unterschiedlichste Einsatzmöglichkeiten und auf spezifische Anforderungen zugeschnittene Lösungen erschließen. Die Winde SHWF 8 in Philippsburg hat einen Hubgeschwindigkeitsbereich von 0 bis 4 m/min und ist stufenlos regelbar. Zusätzlich ist ein Hilfshubwerk SHF 50 mit einer Tragfähigkeit von 5 Tonnen installiert. Die Stromzuführungen für die Hebezeuge laufen jeweils geschützt in einer Energiekette. Bei Abwärtsbewegung der Last wird die generatorisch erzeugte Energie durch den Bremswiderstand in Wärme umgewandelt und kann durch Konvektion an die Umgebung abgegeben werden.

Zusätzlich erfordern die besonderen Sicherheitsstandards in der Kerntechnik die redundante Ausführung von Bremsen und Messsystemen. Einige Bauteile wie der Schaltschrank sind zur einfacheren Reinigung aus korrosionsfreiem Edelstahl gefertigt, eine Farbbehandlung ist nicht notwendig.

Fokus auf der Dokumentation

»Die größte Herausforderung bei einer solchen Anlage ist die lückenlose Dokumentation aller Arbeitsvorgänge – auch von Zuliefererfirmen. Darauf legt die EnBW besonderen Wert«, führt Fischer aus. So müssen alle Stahlbauteile durch Materialstempel nachvollziehbar gekennzeichnet werden. Nach der Vorprüfung werden die Komponenten nach einem Schweißplan zusammengefügt. Vor der Lackierung werden alle Materialstempel verglichen, die Ausführung der Schweißnähte, die Maßhaltigkeit sowie die Vollständigkeit durch externe Prüfer abgenommen. Ein Reststoffbearbeitungszentrum und Standort-Abfalllager errichtet die EnBW in ähnlicher Weise auch parallel an ihrem Standort in Neckarwestheim. Auch dort werden drei Krananlagen von Innokran zum Einsatz kommen.

Hintergrund

Stahl CraneSystems ist sowohl ein weltweit agierender Hersteller von Hebezeugen und Krankomponenten als auch ein Anbieter methodischer Engineeringlösungen. Das Unternehmen besteht seit 140 Jahren und ist nach eigenen Angaben einer der Weltmarktführer für explosionsgeschützte Krantechnik. Zu den Kunden zählen Kranbauer, Maschinen-/Anlagenbauer sowie Planungs- und Generalunternehmen auf der ganzen Welt.

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 53 bis 59

Schlagworte