Softe Ware, harte Ergebnisse

Technik

IT-Kompetenz Die Logistik – und mit ihr die Intralogistik – ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige in Deutschland. Rund 260 Milliarden Euro Umsatz hat die Branche im vergangenen Jahr erwirtschaftet.Nur die Automobilindustrie und der Handel konnten dieses Ergebnis noch toppen. Dass es zustande kam, ist nicht zuletzt leistungsstarker Software zu verdanken.

12. September 2017
Bild: Viastore
Bild 1: Softe Ware, harte Ergebnisse (Bild: Viastore)

Der Logistik-Leistungsindex 2016 der Weltbank stellt den deutschen Logistik-Unternehmen ein glänzendes Zeugnis aus. Unter Berücksichtigung von Kriterien wie Dienstleistungsqualität, Pünktlichkeit und Infrastruktur liegt Deutschland im weltweiten Vergleich auf Platz 1, gefolgt von Luxemburg und Schweden. Mit Blick auf die kommenden Jahre fallen die Prognosen für die Branche durchweg positiv aus. Die Bereitschaft der Unternehmen, in Intralogistik zu investieren, befindet sich auf einem hohen Niveau. Längst gilt zeitgemäße Intralogistik als wichtiger Wertschöpfungsfaktor. Lieferfähigkeit und Lieferqualität sind Merkmale, die häufig den Wettbewerbsvorsprung ausmachen. Gleichzeitig steht die Intralogistik vor großen Herausforderungen, ausgelöst durch Entwicklungen, die beträchtliche Veränderungen nach sich ziehen. In diesem Zusammenhang sind zum Beispiel die Globalisierung, der demografische Wandel, die begrenzte Menge an Rohstoffen und das Internet der Dinge zu nennen. Die Entwicklung unter anderem in diesen Bereichen führt dazu, dass logistische Prozesse nicht mehr länger einzeln und vonein-ander isoliert betrachtet werden können. Vielmehr müssen Unternehmen sämtliche Informations- und Warenflüsse – sowohl unternehmensübergreifend als auch intern – ganzheitlich betrachten, planen und kontrollieren. Der Wettbewerb entscheidet sich nicht mehr zwischen Unternehmen, sondern zwischen kompletten Wertschöpfungsketten. Die einzelnen Elemente dieser Ketten werden mit immer mehr Intelligenz ausgestattet, die sich zunehmend selbst steuert – eine Entwicklung, die eine hoch effiziente Verkettung und Vernetzung der Prozesse und aller beteiligten Faktoren ermöglicht. Stichwort »Industrie 4.0«.

Unverzichtbarer Faktor

Für industrielle Vernetzung ist sichere und zuverlässige Technik unverzichtbar. Diese beinhaltet Prozessoren, Bedienelemente, Software, Steuerungen und vieles mehr. Alle Elemente müssen in ein harmonisches, leistungsfähiges und bedienbares System inte-griert werden, mit dem sich das hohe Datenaufkommen effizient steuern lässt. Diese Komplexität zu beherrschen, ist für die In-tralogistikbranche wie auch für die gesamte Industrie eine entscheidende Aufgabe. Für deren Lösung braucht es ebenso innovative wie zukunftsfähige Systeme. Als Intralogistik-Anbieter mit fast 50 Jahren Erfahrung ist Viastore mit Sitz in Stuttgart Experte darin, derlei Lösungen zu finden, zu entwickeln und zu verwirklichen. Als Generalunternehmer realisiert und betreut das Unternehmen Intralogistik-Anlagen alle Größen und Ausprägungen. Der Kunde erhält die komplette Lagertechnik: Hochregallager etwa, Regalbediengeräte, Kommissioniersysteme, Lagerlifte, Shuttle- und Fördertechnik.

Ausgeprägtes Know-how besitzt Viastore aber nicht nur im Bereich Hardware. Das Unternehmen aus Stuttgart steht auch für hohe Software-Kompetenz. Mit dem Warehouse-Management-System Viadat bietet Viastore eine moderne, leistungsstarke, bewährte und zukunftssichere Software-Suite zur Verwaltung und Steuerung der gesamten Intralogistik an. Viadat bildet sämtliche Funktionen ab, die zwischen Wareneingang und Verladung erforderlich sind. Das System besteht aus einem Basispaket, dessen Funktionen je nach Anforderung, Anlagentyp und Leistung dazugeschaltet oder ausgeblendet werden können. Damit ist das Viadat für komplexe Logistikzentren mit verschiedenen Bereichen und hoher Performance ebenso geeignet wie für Automatiksysteme mit geringem bis mittlerem Umschlag oder für konventionelle, staplerbediente Lager. Die Viastore-Software enthält alle erforderlichen Bausteine zur Steuerung von Regalbedien-geräten, Fördertechnik, Sortern, Kommissioniersystemen und anderen mechanischen Komponenten. Darüber hinaus regelt sie die Steuerung und Visualisierung komplexer Materialfluss-Prozesse. Zudem verfügt die jüngste Version von Viadat dank zusätzlicher KPI-Tools über umfangreichere Möglichkeiten zur Datenauswertung und -analyse.

Erhebliche Wettbewerbsvorteile

Dass die intelligente Vernetzung der Prozesse und Warenströme in Lager und Produktion für erhebliche Wettbewerbsvorteile sorgt, zeigt das Beispiel der Gebrüder Müller Apparatebau GmbH & Co. KG im hohenlohischen Kupferzell. Dank eines neuen Produktions- und Logistikzentrums kann der Hersteller von Ventil-, Mess- und Regeltechnik seine Kunden innerhalb Europas mit Standardprodukten innerhalb von 48 Stunden versorgen. Entsprechend hoch waren die Ansprüche von Müller bei der Planung gewesen: Erhöhung von Liefertermintreue und Umschlag, automatisierte Auftragskonsolidierung, Reduzierung von Fehllieferungen und deutliche Produktionssteigerungen in den Montageabteilungen, gesteuert von einer durchgängigen Software.

Viastore realisierte dafür eine Gesamtanlage, bestehend aus einem Automatischen Palettenlager (APL) und einem Automatischen Kleinteilelager (AKL). Das eingassige APL ermöglicht die doppelttiefe Lagerung von Europaletten mit einem Maximalgewicht von 1.200 Kilogramm. Das zweigassige AKL ist als Einbauregal zur zweifachtiefen Lagerung von Kunststoffbehältern mit einem Maximalgewicht von jeweils 50 Kilogramm ausgelegt. Es ist über einen Behälterloop an die Kommissionier- und Versandhalle angebunden.

Viadat verwaltet und steuert den gesamten Materialfluss bei Müller: vom Eingang der Waren über deren Ein- bzw. Auslagerung und die Versorgung der Produktion bis hin zu Kommissionierung und Versand. Zudem regelt Viadat die Pufferung der Montageversorgung, die Konsolidierung der Aufträge sowie den Druck von Lieferscheinen und Adressetiketten. Die notwendigen Daten holt sich die Software vom ERP-System, an das sie über eine Standardschnittstelle angebunden ist.

Deutlich mehr Leistung

Welch enorme Auswirkungen der Einsatz intelligenter Software auf die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens haben kann, zeigt auch das Beispiel Kaeser Kompressoren. Der Kompressorenhersteller und Druckluftsystem-Anbieter beliefert von seinem Distributionszen-trum in Coburg aus nicht nur Händler und Kunden in ganz Europa mit Produkten und Ersatzteilen, sondern auch das Distributionszentrum in den USA. Um den logistischen Dreh- und Angelpunkt an die steigenden Anforderungen des immer komplexeren Materialflusses anzupassen, entschied Kaeser sich, den Standort mithilfe von Viastore auf das moderne SAP EWM mit HANA umzustellen.

In das System eingebunden sind unter anderem ein Hochregallager, 19 Lagerlifte, ein Kleinteilelager, das Fahrerlose Transportsystem, die Fördertechnik, sechs Kleinteilpackplätze, elf Palettenpackplätze sowie ein Pufferlager zur schnelleren Beladung der täglich bis zu 100 Lkw. Ein großer Vorteil von SAP EWM ist, dass die Steuerung der unterlagerten Systeme direkt an die Lagerverwaltung und das Materialfluss-System angebunden werden kann. EWM ist vom Materialflussrechner her darauf ausgelegt, direkt an die Technik anzudocken. Zudem ermöglicht die Architektur des neuen Systems eine deutlich schnellere Kommunikation.

Individuelle Anpassungen

Mit der Software SAP PCo (Plant Connectivity) wurde eine integrierte Standardplattform geschaffen, welche die Hardware-Steuerungen in das EWM-System integriert. Früher wurden die Lagerlifte zum Beispiel über ein SAP-Add-on von Viastore gesteuert. Heute ist das komplett in SAP EWM integriert. Dennoch waren noch einige individuelle Anpassungen notwendig. Ein wesentlicher Fokus von Viastore lag auf der Programmierung der User-Interfaces, also der Bildschirm-Dialoge für die Mitarbeiter an den Kommissionier- oder Packstationen. Prozesssicherheit war dabei ein wesentliches Kriterium. Der User hat nur die Eingabe- und Kommunikationsmöglichkeiten, die er tatsächlich braucht. Das reduziert die Möglichkeiten, Fehler zu machen.

Viastore hat zudem die gesamte Unternehmenssoftware von Kaeser auf SAP HANA umgestellt – erst das Customer Relationship Management, dann das SAP BI, danach die Absatz-, Distributions- und Produktionsplanung in SAP APO und schließlich das Warehouse-Management. Die größte Herausforderung beim Update des Warehouse-Management-Systems war, dass alle Arbeiten im laufenden Betrieb erfolgen mussten. In Spitzenzeiten läuft die Anlage von 5 bis 24 Uhr, was die Möglichkeiten zum Testen der Software stark einschränkte. Aufgabe von Viastore bei der Umstellung auf HANA war unter anderem, das Update von SAP EWM 7.1 auf 9.1 durchzuführen und anschließend die Kompatibilität zu kontrollieren. Gleichzeitig wurden neue Features zur Optimierung der Anlage implementiert.

Durch die Anbindung der unterlagerten Steuerungen muss das System viele Telegramme verarbeiten – perfekt für HANA. Dadurch verkürzen sich die Reaktionszeiten des Systems. Die Prozesse im Distributionslager sind im Vergleich zur alten Lösung mit SAP LES heute deutlich schneller. Angelieferte Waren werden 20 Prozent schneller bearbeitet. 40 Prozent mehr Picks können gezählt werden. Der Packvorgang ist um 50 Prozent schneller. Und Lageraktivitäten und Auswertungen erfolgen zwanzigmal so schnell wie früher. Insgesamt ist die Leistung des Distributionszentrums heute viel höher als zuvor. Kaeser kann in jedem Bereich schneller arbeiten und war zusammen mit Viastore auch noch Vorreiter. Deren Zusammenarbeit zeitigte eines der ersten SAP-Projekte dieser Art.

Viastore ist nicht nur Experte für die Planung und den Bau neuer Intralogistik-Lösungen, sondern auch für die Modernisierung bestehender Lager. Für die ODU Steckverbindungssysteme GmbH & Co. KG beispielsweise unterzog das Unternehmen das Automatische Kleinteilelager (AKL) eines Fremdanbieters einem umfassenden Retrofitting. Zuvor hatte das AKL mit langen Stillstandszeiten die Produktion erheblich beeinträchtigt. Der erste Schritt zur Modernisierung wurde allerdings nicht im AKL, sondern im manuell bedienten Palettenlager getan, das mit 1.700 Plätzen zur Bevorratung von Roh-, Halb- und Fertigmaterial dient. Viastore stellte das manuelle Lager rund zwei Monate vor dem AKL auf Viadat um. Dadurch konnte die Kommunikation zwischen dem WMS und dem ERP-System von ODU getestet werden, ohne die Leistung des AKL zu gefährden.

Hohe Verfügbarkeit erzielt

Bei der Umstellung des AKL auf Viadat wurde der Standard der Software zum größten Teil beibehalten. Die größte Anpassung erforderte die Integration des Milkrun-Systems. Damit werden nicht nur Artikel zwischen AKL und Montage transportiert. Das System bringt auf seinem Weg auch Komponenten von der Dreherei zur Galvanik. Daher wurde das WMS so angepasst, dass die Fertigungsbelege an den Stationen erfasst und von Viadat gemanagt werden können.

Auch auf Seiten der Hardware ist einiges passiert. Die Antriebe auf allen Achsen der Regalbediengeräte – Fahrwerk, Hubwerk, Lastaufnahme – sowie die mitfahrenden Schaltschränke wurden ausgetauscht. Die gesamte Anlage erhielt eine neue Steuerungstechnik. Die Simatic S5 wurden durch die S7 ersetzt. Ebenso wurde die Datenübertragung zu den Regalbediengeräten und zum Verschiebewagen aktualisiert. Sie erfolgt jetzt über Profibus-Datenlichtschranken. Dank der modernen Hard- und Softwaretechnik ist das Lager von ODU nun wieder hoch verfügbar.

Erschienen in Ausgabe: 04/2017