Stabile Verhältnisse

Zur Lage der Nationen

Okay okay, wurden 2012 immer noch stolze 944.400 Stapler und Lagerhausgeräte verkauft. Und die Hersteller sind weiter optimistisch. Von Michael Weilacher

07. Oktober 2013

In Summe können die Hersteller von Gabelstaplern und Lagerhausgeräten durchaus zufrieden sein. Mit 944,4 verkaufen Einheiten im zurückliegenden Geschäftsjahr sieht die Branche sich auf einem stabilen Niveau. 2011, ein unbestritten gutes Jahr für Flurförderzeug-Firmen, lag mit einem Marktvolumen von 974,6 Millionen verkaufter Geräte nur drei Prozent über dem Level von 2012. Und auch 2013, so scheint’s zu Beginn des dritten Quartals, ist für die Hersteller von Flurförderzeugen kein schlechtes Jahr. Die Verkäufe bewegen sich weiter auf einem vergleichsweise stabilen Niveau. Wobei festzuhalten bleibt, dass die Anbieter sich bewusst sind, dass in den entwickelten Regionen der Welt, also auch und besonders in Westeuropa, die Umsatzträume nicht in den Himmel wachsen.

Relativ gesunder Wert

Matthias Fischer, Präsident von Toyota Material Handling Europe und erfahrener Stapler-Manager, meint mit Blick auf das Marktvolumen in Europa: »Ich denke, dass 400.000 verkaufte Gabelstapler und Lagertechnikgeräte eine Art Blase waren, das Ergebnis eines in einigen Bereichen künstlich aufgeblähten Markts. Wenn man sich das langjährige Mittel anschaut, liegt es nicht bei 400.000 verkauften Flurförderzeugen. Das war mal eine Ausnahme, ein Spitzenwert. Heute liegen wir in Europa bei einem Volumen von roundabout 300.000 Fahrzeugen – ein relativ gesunder Wert, der unserer Industrie nicht weh tut.« Was aus den Worten von FFZ-Manager Fischer folgt, ist klar. In den saturierten Märkten geht es weniger um mehr Marktvolumen, sondern eher um die Anteile der maßgeblichen Staplerhersteller in den jeweiligen Regionen.

Matthias Fischer: »Wenn die Märkte zu einem Zeitpunkt X an bestimmte Grenzen stoßen, wird es für die Hersteller großer Fahrzeug-Volumina tatsächlich da-rum gehen, prozentual ein möglichst großes Stück vom Markt abzubekommen.« Ganz anders stellt die Situation sich in den aufstrebenden Märkten dar, in China bzw. Asien, in Brasilien respektive Süd- und Mittelamerika, in Indien und den Ländern Osteuropas. Dort, in Regionen mit wachsendem Marktvolumen auch für Gabelstapler und Lagerhausgeräte, geht es darum, genau jene Geräte anzubieten, die der jeweilige Markt wirklich braucht. Denn: Was gut ist für hoch entwickelte Industrienationen wie Deutschland, muss noch lange nicht gut sein für aufstrebende Märkte wie China oder Brasilien, Indien oder Osteuropa.

Entwicklung mit Augenmaß

Dr. Klaus-Dieter Rosenbach, Technikvorstand des deutschen Premiumgeräte-Herstellers Jung-heinrich, merkt an: »Nicht überall sind die Anforderungen an technische Gerätschaften so hoch wie in Deutschland beziehungsweise Westeuropa. Das muss man bei der Geräteentwicklung berücksichtigen.« Und weil dem so ist, haben in den Emerging Markets vor allem jene Hersteller einen Vorteil, die ein gestaffeltes Staplerprogamm anbieten können: hoch entwickelte Geräte für hoch entwickelte Märkte, abgespeckte Versionen von hoch entwickelten Gabelstaplern oder schlichtweg einfachere Geräte für aufstrebende Märkte.

Über Wohl und Wehe vor allem der Volumenhersteller entscheidet letztlich ihre Produktpalette. Umfasst sie lediglich Hightech-Geräte und lässt dabei jene Fahrzeuge außer Acht, die in den Emerging Markets nachgefragt werden, kommt es früher oder später zu Problemen – ein Umstand, der den global agierenden Staplerherstellern nicht erst seit heute bewusst ist. Linde Material Handling etwa, eine Marke der Kion Group, ist in China schon lange mit einem eigenen Werk vertreten. Toyota, multinationaler Anbieter mit japanischer Konzernmutter, fertigt seine Geräte für den europäischen Markt in Schweden, Italien und Frankreich.

Massives Wachstum

Still, wie Linde Material Handling ebenfalls eine Kion-Marke, verweist nicht ohne Stolz auf eine neue Fabrik in Brasilien. Bert-Jan Knoef, Still-Chef und Mitglied der Kion-Geschäftsleitung: »Brasilien ist massiv gewachsen, gegenüber dem Vorjahr um 44 Prozent. Alles, was man in den vergangenen Wochen und Monaten über das Land gelesen hat, ist bislang nicht auf den Markt für Flurförderzeuge durchgeschlagen. Im Gegenteil, wir verzeichnen eine extrem positive Entwicklung, die auch von öffentlichen Programmen zur Investitionsförderung unterstützt wird.«

Vielfältiges Portfolio

Gute Karten hat vor dem Hintergrund unterschiedlicher An-forderungen in unterschiedlichen Märkten auch das Haus Linde Material Handling. CEO Theodor Maurer: »Global gesehen sind wir der zweitgrößte Player (nach Toyota; Anmerkung der Redaktion) in unserer Branche und der international am besten aufgestellte. So konnten wir auch außerhalb Europas wachsen, in China sogar gegen den Markttrend.« Auch was das Produktprogramm von Linde Material Handling betrifft, sieht Theodor Maurer sein Haus auf der sicheren Seite: »Keiner unserer Wettbewerber hat ein solch vielfältiges Portfolio wie wir.« Ein beträchtlicher Teil dieses Portfolios, oder besser: des seit kur-zem börsennotierten Linde-Mutterkonzerns Kion, gehört allerdings inzwischen dem chinesischen Großunternehmen Weichai Power, Teil der Shandong Heavy Industry Group.

Zur Kion Group gehören neben Linde Material Handling auch die Staplermarken Still, Fenwick, OM Still, Baoli und Voltas, allesamt nun auch in Teileigentümerschaft von Weichai. Das operative Geschäft allerdings liegt weiter bei Verantwortlichen der jeweiligen Marken. Bei Linde Material Handling und Still sieht man diese Entwicklung durchaus positiv. Linde-Chef Theodor Maurer: »Durch die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Unternehmen öffnen sich weitere Türen. Jetzt können wir Kunden gewinnen, die wir bis vor kurzem nicht erreicht hätten.« Maurers Pendant bei Still und im Kion-Management, Bert-Jan Knoef, sagt zum »Ankerinvestor« aus China: »Mit dem Partner Weichai kann die Kion Group ihre Position in Asien nicht nur festigen, sondern deutlich ausbauen.«

Nutzung von Synergien

Eitel Sonnenschein herrscht aber nicht nur innerhalb der großen Kion Group. Mit Unicarriers freuen sich auch deutlich kleinerer Player im Staplermarkt. Nissan Forklift, TCM und Atlet sind unter der Marke Unicarriers zusammengeführt worden. In einem Statement des Unternehmens heißt es dazu: »Die Zusammenlegung der drei Hersteller wurde erfolgreich abgeschlossen und die Organisationen konsolidiert. Der umfangreiche Prozess einer globalen Neuausrichtung unter einem Dach befindet sich in den letzten Zügen, und so wird in Kürze ein schlagkräftiger Konzern etabliert, der durch aktive Synergiennutzung seine Marktposition ausweiten kann.« Zurzeit belegt Unicarriers Platz 8 der Stapler-Weltrangsliste. Wie’s weitergeht? Wir werden es erleben.

Erschienen in Ausgabe: 05/2013