The voice of elogistics

Sind sprachgesteuerte Kommissioniersysteme das Nonplusultra?

Wieder einmal, so scheint es, hinkt Europa hinter den Amerikanern her. Im Epizentrum der Low-cost-Automation haben sich innerhalb weniger Jahre sprachgesteuerte Kommissioniersysteme ausgebreitet - wie ein Strohfeuer. Jetzt machen die ersten Anwendungen auf unserem Kontinent von sich reden. Halten die Systeme, was die Amerikaner versprechen?

13. Februar 2002

Ausgerechnet die Amerikaner wollen den europäischen Logistik-Perfektionisten zeigen, wo es in der Hochleistungskommissionierung lang geht. Nahezu unbemerkt für die hiesigen Anbieter von AKL-Systemen, Pick-to-light-Anlagen und anderen Beleglos-Kommissioniertechniken haben die Sternenbanner-Träger ihre sprachgesteuerten Kommissioniersysteme zu einem Kassenschlager gereift. Zu den ersten deutschen Anwendern zählen der Modefilialist C&A, aber auch der Druckfarbenproduzent Siegwerk sowie „the cool BoFrost Company“.

Wie so oft setzen die Amerikaner er-neut auf die Low-cost-Automation: Alles was sie brauchen ist ein leistungsfähiges PC-System, eine ausgereifte Lagerverwaltungssoftware, ein Sprachverarbeitungssystem und die Software zur Anbindung der Funkantennen sowie der mobilen Funkterminals. Diese werden von den Lageristen am Körper getragen. An ihnen werden die superleichten Headsets angestöpselt.

Per Ansage führt das LVS die Kommissionierer von Pickort zu Pickort und flüstert diesen ins Ohr, wie viel Stück von welchem Artikel sie für welchen Auftrag entnehmen müssen. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies zu Fuß gehen oder mit Kommissionierfahrzeugen durch das Lager touren. Noch in diesem Sommer will VoxWare für weniger als eine Million Mark das Lager des texanischen Unterwäsche- und Sportbekleidungsproduzenten Haggar Clothing in Fort Wort mit einem sprachgesteuerten Beleglos-Kommissioniersystem modernisieren.

Greg Jones, Technischer Direktor bei Haggar, hat das VoxWare-System bereits in seinem 70.000 Quadratmeter großen Lager getestet und für gut befunden. Jones bringt zum Ausdruck, dass das System geeignet ist, die Pickleistung erheblich zu steigern und das auf der Basis einer ohnehin technisch ausgefeilten bestehenden Lösung.

Jones gibt sich dabei nicht damit zufrieden, nur die Kommissionieroperationen, die vom Lagerverwaltungssystem der Manhattan Associates generiert werden in gesprochene Anweisungen umzuwandeln und die gesprochenen Quittierungen oder Bestandskorrekturen des Lagerpersonals zu digitalisieren. Vielmehr zielt er zusätzlich darauf ab, mit einem neuem Modul von VoxWare per Telefon oder Internet ankommende gesprochene Bestellungen im LVS zu buchen und so zeitnah wie möglich im Lager abzuarbeiten. Noch in diesem Sommer soll dieser Leistungsstand erreicht werden.

Nabisco, bekannt für Cracker-Kekse, betreibt in den Vereinigten Staaten 100 Lager. Diese werden von einem SAP R3-System verwaltet. Nach umfangreichen Leistungsstudien entschied sich die Logistikmanagerin des Unternehmens, Karen Mattke, für ein sprachgesteuertes Kommissioniersystem von SyVox mit Sitz in Boulder, Colorado.

Bedenken hatte das Management von Nabisco zunächst wegen der wechselnden Lageristen, also der Sprecher, deren Stimmen vom Sprachsystem erkannt werden müssen. Scott Medford, Vice President bei SyVox konnte diese Bedenken jedoch zerstreuen. Immerhin, so argumentierte er, arbeite seine Branche seit gut 20 Jahren an sprecherunabhängigen Spracheingabesystemen. Das die entsprechende Forschung weit gediehen ist, zeigt das Anwendungsbeispiel & pos;Nabisco& pos; recht überzeugend. Nicht einmal eine Stunde vergeht, ehe ein neuer Lagerist für das & pos;Pick by voice-System& pos; trainiert ist. Dazu gehört auch, dass die von ihm gesprochenen Kommandos im System gespeichert werden.

& pos;Go it& pos; steht dabei auf Platz 1. Diesen prägnanten Begriff sprechen die Kommissionierer nach jedem ordnungsgemäßen Pick in ihr Mikrofon. Unmittelbar nach dieser Quittierung werden sie per Ansage zum nächsten Entnahmeort geführt. Dass dies alles nach den Vorstellungen der Nabisco-Logistikerin Karen Mattke funktioniert, wird von einer beeindruckenden Tatsache untermauert: Woche für Woche stellt Nabisco vier seiner 100 Lager auf das Sprachsystem um. Damit will Mattke den Logistikkosten Einhalt gebieten, die nach ihren Analysen inzwischen auf den zweiten Platz der gesamten Produktkosten hochgeschnellt sind.

Hunderte Anwendungen, so ist aus den Staaten zu hören, können die Sprachverabeitungsspezialisten bereits in Logistikanwendungen vorweisen. Zunehmend auch in Europa und dort vor allem in Deutschland. C&A, hat ein solches System am Standort Mönchengladbach implementiert und setzt eine verbesserte Lösung derzeit am Standort Aschaffenburg um. Diese soll in den nächsten Wochen in Betrieb gehen.

Eine weitere Implementierung steht beim Druckfarbenhersteller Siegwerk in Siegen an. 20 Kommissionierer sollen dort schon bald Gebinde mit bunten Farben aus den Regalen picken und auf den Weg zur Kundschaft bringen. Ähnliches gilt für den führenden deutschen Heimdienst für Tiefkühlkost. Nach Informationen von VoxWare sollen 20 Kommissionierer am Standort Straelen sprachgesteuert das Tiefkühlgut picken. Angesichts der extrem tiefen Lagertemperaturen von minus 28 Grad soll dabei vor allem der Effekt zum Tragen kommen, dass & pos;Pick by voice& pos; die einzige Technik ist, bei der keinerlei Eingaben von Hand vorgenommen werden, oder mit Belegen hantiert werden muss. Angesichts der dicken Handschuhe, mit denen die BoFrost-Kommissionierer arbeiten, sicher ein sehr wertvoller Pluspunkt. In Deutschland arbeitet VoxWare mit der Topsys-tem Systemhaus GmbH in Würselen zusammen.

Andreas Finken, bei Topsystem für den Vertrieb der Voice-Systeme zuständig, hält zwar die Logistik für einen der interessantesten Anwendungsbereiche der neuen Technik, zeigt zugleich aber andere Lösungsansätze auf: „Bei einem amerikanischen Autozulieferer“, so Finken, „soll in Kürze das VoxWare-System für die Qualitätskontrolle eingesetzt werden.“ Dabei werden Stoßstangen einer Sichtprüfung unterzogen und deren Ergebnis im Rechner gespeichert. Gibt der Output einer Spritzgießmaschine dabei zu oft Grund zur Beanstandung stoppt der Leitrechner den maladen Prozess.

Doch zurück zur Kommissionierung. Angesichts der bislang hauptsächlich in den Vereinigten Staaten von Amerika gemachten positiven Erfahrungen will auch das Willicher Systemhaus IND Mobile Datensysteme der sprachgesteuerten Kommissioniertechnik jetzt mehr Schub geben, berichtet Vertriebsleiter Rainer Skau.

Der Charme der Systeme liegt auf der Kostenseite: An den Regalen und Fächern werden lediglich passive Kennzeichnungen gebraucht, ansonsten richten sich die Kosten nur nach der Zahl der angeschlossenen Funksets - unabhängig von der Anzahl der Fächer aus denen gepickt werden muss. Damit bleibt diese Technik nicht nur den Schnelldreher-Bereichen vorbehalten, sondern eignet sich auch für mittel- und langsamdrehende B- und C-Bereiche.

Doch wie immer ist nicht alles Gold, was glänzt: Dem Vorteil der kosten-günstigen Einbeziehung aller Lagerbereiche, Regaltypen und Flurförderzeu-ge steht ein systembedingter Nachteil gegenüber: Einen falschen Pick kann der Lagerist als richtig quittieren. Muss dies ausgeschlossen werden, sind zusätzliche Investitionen erforderlich. Zum Beispiel durch eine wägetechni-sche Plausibilitätskontrolle.

„Beachtet werden muss außerdem „, mahnt Dieter Klug, Gesellschafter des Teunzer Unternehmens & pos;Klug integrierte Systeme& pos;, „dass Hörfehler statistisch gesehen häufiger auftreten als Lesefehler.„ Deshalb sollten Kontrollwägungen so früh wie möglich in den Logistikprozess integriert werden, am besten schon an der Stelle, an der ein Kommissionierer seine Picks übergibt. Zu hoch sollte das Problem der Hörfehler allerdings auch nicht aufgehängt werden, da die Sprachsysteme auch eine sehr rationelle Bereinigung der fehlerhaften Aufträge zulassen.

Vorstellbar ist, am Kontrollplatz für Übermengen Rücklagerungsbelege zu drucken und die Artikel mit Stellplatznummern auf einem Rücklagerungswagen zu & pos;verheiraten& pos;. Sprachgesteuert können dann zum Schichtende mit einem einzigen Lagerdurchgang die überzähligen Artikel ihren Vorratsplätzen zugeführt werden. Fehlende Artikel hingegen können vom LVS sofort als Eilaufträge behandelt und sehr schnell den festgehaltenen Sendungen zugeführt werden.

Zu den gravierendsten Problemen der Sprachverarbeitung gehört, dass Sprache Frequenzamplituden darstellt, die von Umgebungsgeräuschen und jeglichem Lärm kaum zu unterscheiden sind. Anders als die Eingabe einer Zahl an einem Terminal oder das Einscannen eines Barcodes entsteht kein absoluter Wert, der vom Computer zweifelsfrei verarbeitet werden kann.

Natürlich stellt da mancher Logistikpraktiker die Frage, wie sich Umgebungsgeräusche auf die Spracheingabe auswirken. SyVox hebt hervor, dass moderne Systeme sogar mit Umgebungsgeräuschen von bis zu 95 Dezibel zurechtkommen. In der Regel sollte der Wert jedoch nicht wesentlich über 80 Dezibel liegen.

& pos;Pick by voice& pos; stellt eine zusätzliche Variante der beleglosen Kommissionierung dar. Grundsätzlich sind Vox-Systeme den Lagerverwaltungs- oder Warenwirtschafts- beziehungsweise ERP-Systemen unterlagert. Deshalb empfiehlt es sich, die Funktion des Gesamtsystems in die Hand eines Systemhauses oder Generalunternehmers zu legen. Gut überlegt will auch sein, ob das Vox-System direkt an die Lagerverwaltungsfunktionen einer unternehmensübergreifenden Software angehängt wird, oder besser an ein eigen-ständiges Lagerverwaltungssystem. Letzteres bietet den großen Vorteil, dass die Logistikmaschine mit einer sehr hohen Verfügbarkeit gefahren werden kann und Probleme auf der Ebene eines SAP R/3-Systems nicht die Auslieferung der Waren lahmlegt.

Erschienen in Ausgabe: 09/2001