Unsicherheit nach dem Rekordjahr

Marktanalyse - Wie lief das Geschäftsjahr 2018 – und wie geht es 2019 und 2020 weiter? Die weltweite, exklusive »logistik journal«-Marktumfrage liefert Antworten. Lesen Sie hier, mit welcher Entwicklung die wichtigsten Akteure rechnen und welche Trends den Markt bestimmen werden.

18. Oktober 2019
Unsicherheit nach dem Rekordjahr
(© Fotolia/Vege)

Rekorde, wohin man auch sieht! Über 1,5 Millionen Flurförderzeuge wurden im Jahr 2018 weltweit geordert. Ein herausragendes Jahr, viele Unternehmen vermeldeten neue Spitzenwerte beim Umsatz, bei den produzierten Einheiten und auch bei den Mitarbeiterzahlen. Doch die Zeit des konstanten oder gar zweistelligen Wachstums scheint vorbei: Dem rasanten Wachstum 2018 folgten im ersten Halbjahr 2019 Ernüchterung und viele Minuszeichen.

Wie geht es 2019 weiter?

Doch Panik kommt bisher nicht auf, im Gegenteil: Viele Hersteller nutzen die Zwangspause, um ihre Prozesse glatt zu ziehen. Nach jahrelanger und steiler Bergfahrt kämpft so mancher mit Wachstumsschmerzen, etwa was interne Prozesse, Mitarbeitereinarbeitung und Qualitätskontrolle angeht. Entscheidend wird sein, wie es 2020 weitergeht. Diese Frage ist vor allem vor dem Hintergrund geopolitischer Risiken schwierig zu beantworten. »logistik journal« hat bei den wichtigsten Unternehmen der Branche nachgefragt, wie sie die aktuelle Lage einschätzen und welche Trends die Entwicklung der nächsten Jahre prägen werden.

Die Statements der Hersteller

Der Dauersieger an der Spitze der Weltrangliste, Toyota Material Handling, berichtet »logistik journal« von einem expandierenden Markt, der von Europa und China getragen wurde. Der Rollout neuer Produkte und die Stärkung der Produktions- und Sales-Strukturen führten zu einem deutlichen Anstieg der Verkäufe von Flurförderzeugen. Für das laufende Jahr rechnet der globale Spitzenreiter mit einem »moderaten Wachstum« der Weltwirtschaft. Und trotz bestehender Risiken, wie Brexit und dem Streit zwischen China und den USA, geht Toyota Material Handling von einem Wachstum im Material-Handling-Equipment-Segment aus.

Der Kion-Konzern, unter anderem mit den Marken Linde Material Handling und Still, hat 2018 »das dynamische Umsatz- und Ergebniswachstum der vorangegangenen Jahre fortgesetzt«. Das berichtet Frank Grodzki, Senior Director External Relations der Kion Group. Das Unternehmen knackte fast die 8-Milliarden-Euro-Marke beim Gesamtumsatz. »Der Trend zu globalen Wertschöpfungs- und Lieferketten und das rasante Wachstum des E-Commerce führen weltweit zu umfangreichen Investitionen in Lager- und Logistikflächen. Gleichzeitig gewinnen umfassende automatisierte Supply-Chain-Lösungen immer mehr an Bedeutung«, beschreibt Grodzki die wichtigsten Treiber des Marktes. Für das Geschäftsjahr 2019 will Kion an die Entwicklung des letzten Jahres anknüpfen. »Der Auftragseingang für das Segment Industrial Trucks & Services (Flurförderzeuge) wird zwischen 6.250 Millionen Euro und 6.450 Millionen Euro erwartet. Beim Umsatz bewegt sich der Zielwert zwischen 6.050 und 6.250 Millionen Euro«, sagt Grodzki.

Für Mitsubishi Logisnext, unter anderem mit den Marken UniCarriers und Mitsubishi Forklift, beschreibt Yasumitsu Baba ein Jahr, das durch »eine starke Inlandsnachfrage, globales Umsatzwachstum und Aktivitäten zur Verbesserung der Verkaufspreise« geprägt wurde. Der Manager Business Planning Department berichtet »logistik journal« von einer steigenden Nachfrage nach Lagertechnik und nach fahrerlosen Transportsystemen. »Um dieses Geschäftsfeld weiter auszubauen, stellen wir auf internationalen Logistikmessen aktiv unsere Produkte und Lösungsansätze vor«, sagt Baba. Für das laufende Geschäftsjahr verweist Logisnext auf den wirtschaftlichen Abschwung. »Zusätzlich herrscht in der japanischen Wirtschaft eine anhaltende Unsicherheit wegen nach wie vor hoher Materialkosten und einer zu erwartenden Anhebung der Verbrauchssteuer.« Doch trotz des intensiven Wettbewerbs setzt das Unternehmen auf Wachstum mit dem Ziel, »der führende Hersteller von Logistikausrüstung zu werden.«

Ein Rekordjahr hat Jungheinrich hinter sich. Die Hamburger steigerten Auftragseingang und Umsatz auf neue Spitzenwerte. So lag der Umsatz 2018 mit knapp 3,8 Milliarden Euro oberhalb der erwarteten Spanne. »Grund dafür war die unerwartet stark gestiegene Flurförderzeugnachfrage über den gesamten Jahresverlauf hinweg, insbesondere in Jungheinrichs Kernmarkt Europa«, erläutert Pressesprecher Benedikt Nufer. »In einem wettbewerbsintensiven Umfeld erreichte Jungheinrich 2018 in Europa einen Marktanteil von 20,4 Prozent«, berichtet er. Jungheinrich hat für die Zukunft im Blick, dass zunehmend »einfachste, mit Elektromotoren ausgestattete Geräte auf den Markt gebracht werden«, die Jungheinrich bisher nicht angeboten hat. »Um der Nachfrage gerecht zu werden, wird Jungheinrich diese Produktkategorie zukünftig weiter ausbauen«, kündigt Nufer an. Die Strategie für die nächsten Jahre konzentriert sich auf fünf Handlungsfelder: das Kerngeschäft in Europa, das Wachstum in Asien mit Schwerpunkt China, das Logistiksystemgeschäft (siehe Interview Seite 24), das Produktsegment Gegengewichtsstapler und den Versandhandel. Für 2019 sieht Nufer ein schwieriges Marktumfeld: »Der Weltmarkt ging im laufenden Jahr kumuliert bis Ende Juni um fünf Prozent zurück, in Europa schrumpfte der Markt um sieben Prozent. Vor diesem Hintergrund und mangels positiver Konjunktur- und Marktsignale erwarten wir, dass sich dieser Trend auf Jahressicht fortsetzt.«

Zufrieden mit dem Geschäftsergebnis von 2018 zeigt sich auch Crown in der »logistik journal«-Marktumfrage. Vor Umrechnung in Euro konnten die Amerikaner ihren Umsatz um 13 Prozent steigern. »Mit diesem Umsatzplus zieht Crown an der gleichermaßen positiven Entwicklung des Weltmarktes noch vorbei«, freut sich Ken Dufford, Vice President Europe. »Europaweit war das Unternehmen ebenfalls auf Kurs und hat seine Marktposition weiter gefestigt.« Auf längere Sicht rechnet der Manager mit »deutlich schwierigeren Rahmenbedingungen für die weitere Marktentwicklung«. Dufford beschreibt die Treiber des Marktes: Digitalisierung, Konnektivität, Automatisierung und Big Data. »Crown ist sehr gut positioniert, um das technologiebedingte Wachstum zu nutzen«, sagt Crown-Europa-Chef Dufford.

2018 hat Hyster-Yale die Übernahme von Zhejiang Maximal Forklift vollendet. Die Zahl der produzierten Einheiten stieg deutlich. Das Unternehmen befindet sich laut Christina Kmetko, Investor Relations Consultant, mitten in der »größten Transformation in der Unternehmensgeschichte«. Am Ende sollen diese strategischen Investitionen, die 2018 auch beim Ergebnis zu Buche schlugen, positiven Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit, die Marktposition und das Wachstum in den nächsten drei bis fünf Jahren haben. Hyster beobachtet am Markt eine Verschiebung hin zu elektrischen Flurförderzeugen. »Eine wachsende Umweltorientierung und gesetzliche Regulierung beschleunigen diesen Trend«, sagt Kmetko.

Kalmar/Cargotec erreichte im Jahr 2018 im Bereich Flurförderzeuge einen Umsatz über 1,6 Milliarden Euro. »Bei den Großgeräten erlebten wir einen gleichbleibend stabilen Markt auf hohem Niveau«, verkündet Hans Götz, Verkaufsleiter von Kalmar Germany. Den Trend am Markt beschreibt er klipp und klar: »Die Zukunft wird elektrisch.«

Im Ranking aufgestiegen ist Manitou. Die Franzosen haben ein phänomenales Jahr hinter sich und konnten ihren Umsatz sprunghaft steigern. »2018 war ein Rekordjahr für die Manitou-Gruppe«, freut sich Franck Lethorey, Communication Officer des Unternehmens. In den letzten zwei Jahren stieg der Gesamtumsatz um 40 Prozent. »2018 haben wir in allen Regionen Fortschritte verzeichnen können, besonders in Nordeuropa und Nordamerika«, beschreibt Lethorey dem »logistik journal« die Lage. Er sieht in den entwickelten Märkten einen Trend hin zu Elektro- und Gas-Modellen. In den anderen Märkten schauen die Kunden »nach einfachen Maschinen, leicht zu bedienen und einfach zu warten«.

Das erste chinesische Unternehmen im Ranking ist Anhui Heli. Marco Hauk, Geschäftsführer der Heli Gabelstapler GmbH vermeldet für 2018 »starkes Wachstum in den Überseemärkten, besonders im Bereich Warehouse Equipment.« In diesem Bereich – und bei E-Fahrzeugen – wird das laut Hauk in den nächsten Jahren so weiter gehen.

Die Top 10 schließt Hangcha ab. George Zhang, General Manager Assistant mit Sitz in Lin’an in der Provinz Zhejiang: »Wir sehen 2018 einen starken Anstieg des Marktes, besonders im chinesischen Markt, der 600.000 Einheiten erreicht hat.« Grund: das anhaltende Wachstum der chinesischen Wirtschaft und speziell des Bereiches E-Commerce und Logistik. Zhang erwartet für die Zukunft eine verstärkte Nachfrage bei E-Staplern und bei intelligenten und fahrerlosen Fahrzeugen.

Auf ein gutes Geschäftsjahr 2018 bei den Flurförderzeugen kann Clark zurückblicken. »Unsere Umsätze stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 7,2 Prozent«, berichtet Clark-Europe-CEO Rolf Eiten dem »logistik journal«. Die Nachfrage nach elektrisch betriebenen Fahrzeugen steigt weiter. »Insbesondere bei den Lagertechnikgeräten der Klasse 3 kann Clark in Europa deutlich zulegen«, hebt Eiten heraus. Für das laufende Geschäftsjahr zeichnet sich im Vergleich zum Vorjahr »bislang ein Rückgang in unseren Absatzmärkten ab«. Besonders bei den verbrennungsmotorischen Fahrzeugen werde dieser Nachfragerückgang deutlich spürbar. »Wie schon im laufenden Jahr wird auch im kommenden Jahr der Trend immer mehr in Richtung Elektrostapler gehen – zulasten der verbrennungsmotorischen Fahrzeuge«, sagt Eiten. »Betrachtet man aber den Weltmarkt, so zeigt sich, dass hier immer noch die Verbrenner das Rennen machen – insbesondere in Asien.«

Tina Boënne von Hyundai Construction Equipment Europe, verweist in ihrer Bewertung der Geschäftszahlen auf das Wachstum im letzten Jahr sowie auf die weltweiten Unsicherheiten wie den Handelsstreit und den Brexit. »Dies könnte zu einem Rückgang des Marktes in den nächsten zwei bis drei Jahren führen.« Anders sieht es laut Boënne in Märkten wie Brasilien oder Indien aus, in denen sie weiterhin Wachstum erwartet. Auch in den Bereichen »Warehouse Equipment« und »Klasse 3« bleibt laut Hyundai der Aufschwung erhalten.

Seine steile Wachstumsstory fort schreibt das Unternehmen Combilift. Auch 2018 wachsen die Iren wieder zweistellig. »Das letzte Jahr war das erfolgreichste Jahr unser 21-jährigen Firmengeschichte«, sagt Martin McVicar, Chef von Combilift. Der Auftragseingang wuchs schneller als die Produktion. Besonders die Märkte in Nordamerika, Europa und den Bric-Staaten hebt der Firmenchef auf Anfrage heraus. Viele Kunden stiegen von Diesel- auf Gasstapler um. Und auch automatisierte Fahrzeuge werden immer populärer. »Aber sie repräsentieren noch immer einen sehr kleinen Anteil am Markt«, sagt McVicar. Für das laufende Jahr erwartet der Firmengründer trotz der schwierigen Bedingungen ein »signifikantes Wachstum von rund 20 Prozent«.

Ein Rekordjahr vermeldet auch Hubtex Maschinenbau mit Sitz in Fulda in unserer Marktumfrage. »Die Anzahl der Mitarbeiter, die Höhe des Umsatzes sowie die Stückzahlen sind erneut gewachsen. Dabei wurden unsere Produktionskapazitäten in 2018 abermals erweitert und mit dem Bau des neuen Kundenzentrums die Voraussetzungen für weiteres Wachstum gestärkt«, zieht Hubtex-Marketingleiter Michael Röbig ein positives Fazit. »Die Anforderungen und die Zahl der Projekte im Bereich Automatisierung nehmen kontinuierlich zu«, beschreibt er einen wichtigen Trend im Markt. »Die Systeme entwickeln sich von individuellen Lösungskonzepten für Einzelkunden zu kompletten Entwicklungsplattformen.« Für die kommenden Jahre sieht Röbig die Themen Effizienz, Ergonomie sowie den Einsatz von teil- oder vollautomatisierten Fahrzeugen im Fokus.

Der indische Hersteller Godrej & Boyce verweist in seiner Analyse der Entwicklung des Jahres 2018 auf die Umstrukturierung des Steuersystems in Indien, das sich nun positiv in den Zahlen niederschlage. Auch gebe es mittlerweile mehr Investitionen im Logistiksektor – mit entsprechenden Effekten bei den Herstellern von Lagerausrüstung. Neben der Steuerreform ist laut Sumeet Bansal, Marketingmanager bei Godrej & Boyce, das rasante Wachstum im Bereich E-Commerce einer der wichtigsten Faktoren für zukünftiges, signifikantes Wachstum der Branche.

Bulmor Industries hat 2018 seinen Umsatz auf 45 Millionen Euro steigern können. »Die Automatisierung schreitet voran und der Trend zu Elektrofahrzeugen nimmt weiter zu«, beschreibt Silvia Rumetshofer, Head of Marketing bei Bulmor, die wichtigsten Trends im Markt. »Mittelfristig wird unser Nischenmarkt im Standardproduktbereich eher stagnieren, der Sondermaschinenbau wird weiter eine lukrative Nische bleiben«, blicken die Österreicher nach vorne.

Pramac berichtet »logistik journal« von einem »anhaltenden positiven Trend«. Verkaufsleiter Florian Leuchtenmüller erwartet, dass sich das auch in den nächsten Jahren nicht ändert.

Stöcklin Logistik aus der Schweiz vermeldet für 2018 Wachstum vor allem in der DACH-Region und bei FTF. »2019 wird für uns noch besser werden«, kündigt Valentin Adelfio, Mitglied der Geschäftsleitung, gegenüber »logistik journal« an. »Wir sind mittlerweile so weit, dass wir vermehrt auch kundenspezifische Spezialgeräte nicht nur für Endkunden, sondern auch für namhafte Mitbewerber in ganz Europa sehr erfolgreich herstellen und verkaufen«, berichtet Adelfio. »Die Digitalisierung kommt und wird sich durchsetzen.« Für das laufende Geschäftsjahr rechnet das Unternehmen mit einem Wachstum von mehr als zehn Prozent.

Einen großen Umsatzsprung macht Genkinger – unter anderem durch die Übernahme der Firma Baka Handling Solutions. »Der Trend geht weiterhin zu Speziallösungen, da die Ansprüche unserer Kunden immer komplexer werden«, berichtet Richard Ludwig. »Höhere Tragfähigkeiten und komplexe Lastaufnahmen sind hier an der Tagesordnung«, so Ludwig. »Aufgrund des wachsenden Umweltbewusstseins auf europäischen Märkten und den zunehmend strengeren Emissionsvorschriften, ist auch mittelfristig von einem Trend hin zu batterie- und akkubetriebenen Antrieben auszugehen«, blickt der Unternehmenschef in die Zukunft.

Über ein Wachstum von knapp drei Prozent im Geschäftsjahr 2018 freut sich Magaziner. Hans-Jürgen Ebsen, Leiter Vertrieb und Marketing: »Unsere Strategie des moderaten organischen Wachstums durch die Stärkung unserer Marke – insbesondere in Wachstumsmärkten außerhalb von Europa – zeigt Erfolg.« Für die nächsten Jahre ist Ebsen positiv gestimmt: »Nach einem etwas ruhigeren ersten Halbjahr 2019 zeichnet sich für das zweite Halbjahr wieder eine gute Auftragslage ab. Für die nächsten Jahre erwarten wir wieder eine stabile Nachfrage nach unseren Produkten.«

Infobox

+ Der Markt wächst 2018 um zehn Prozent und bringt neue Rekorde.

+ Fast alle Hersteller haben ein gutes Jahr hinter sich und starteten mit einem guten Auftragspolster in 2019.

– Das erste Halbjahr 2019 lief schlecht, bis auf Asien verzeichneten alle Regionen teils heftige Rückgänge.

– Brexit und Handelskonflikt machen eine Prognose schwierig.

Das Geschäftsjahr 2018 lag bei Miag Fahrzeugbau »auf dem gleichen Niveau wie 2017 und wurde mit einem positiven Geschäftsergebnis abgeschlossen«. Das Jahr 2019 habe verhalten begonnen. »Per Juni 2019 liegt der Auftragseingang in etwa auf dem gleichen Niveau wie 2018. Wir gehen davon aus, die gesteckten Ziele für 2019 zu erreichen«, schreibt das Unternehmen. »Für die folgenden drei Jahre bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen der Austritt Großbritanniens aus der EU mit sich bringt und wie sich auch der angekündigte Personalabbau in der chemischen Industrie entwickelt.«

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 5 bis 45