Wer macht, was er ist?

Zwischendurch

»Unser Leben und unsere Aufgaben sind so komplex geworden, dass es die einzig wahre Ausbildung einfach nicht geben kann.«

18. November 2014

Mal ehrlich: Was tun Sie heute, und was haben Sie mal gelernt? Ich für meine Person habe während der Schulzeit Autos gewaschen (Höhepunkt: ein Volksporsche mit Mittelmotor) und Gerüste geschweißt (Tiefpunkt: Verbrennung an der Wade). Aber Autowäscher hin, Hilfsschweißer her: Irgendwo musste die Kohle für die Ferien in Schottland ja herkommen. By the way: Das Investment in den Schottland-Urlaub hat sich gelohnt. Meine Liebe zum Norden des damals wie heute Vereinigten Königreichs hält immer noch an.

Mein Berufsleben dagegen war durchaus von Veränderungen geprägt. Nach Zeitungsvolontariat in Aachen und einer Reihe von Redakteursjahren ein eher kurzes Studium in Essen und ein eher längerer Aufenthalt bei der dort ansässigen NRZ (Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung). Tja, Zeitung machen eben. Einmal angefangen, nie mehr aufgehört. Mit Brüchen allerdings: Musikindustrie und People-Presse, Gastronomie und Musikermagazin, Rock-&-Pop-Zeitschrift, Pressezuarbeit bei einem berühmten deutschen Autobauer mit drei Buchstaben (nicht DKW!) und seit 2003 Intralogistik. Als Redakteur natürlich. Was sonst?

Dass so was klappen kann, sagen meine Journalistenfreunde. Ehrliche Ansicht oder Nettigkeit der eigenen Mischpoke? Wer weiß das schon. Fakt ist aber: Unsere Partner in der Industrie schätzen das Logistik Journal und seine kleinen Eigenheiten, und das freut mich natürlich besonders. Dass man sehr unterschiedlichen Aufgaben gerecht werden kann, zeigen auch viele von denen, die wir gewählt haben – was der eigentliche Anlass für diese Kolumne ist.

Politiker gehören nicht zu den beliebtesten Zeitgenossen in unserem Land. Einigen von ihnen wird unterstellt, sie verstünden »rein gar nichts« von dem Aufgabengebiet, das ihnen anvertraut sei. Und zwar bis hinein ins Kabinett. Dabei ist es doch so, dass Ministerämter so viele Querschnittsfunktionen umfassen, dass es die einzig wahre Ausbildung zum Ressortleiter in der großen Politik gar nicht geben kann. Was es aber sehr wohl geben kann und wirklich auch gibt, sind Menschen, die sich der Vielfalt – ist übrigens das Gegenteil von Einfalt – ihrer Interessen und Begabungen wegen für hohe Ämter empfehlen. Peter Ramsauer etwa ist Doktor der Staatswissenschaften. War er deshalb ein schlechter Verkehrsminister? Sicher nicht. Auch Ramsauers Nachfolger Alexander Dobrindt, von Hause aus Diplomsoziologe, ist dabei, sich zu profilieren. Und dann gibt es ja noch eine gelernte Physikerin, die im Hauptberuf Bundeskanzlerin ist. Ein Glücksfall für unser Land, finde ich.

Michael Weilacher

Erschienen in Ausgabe: 06/2014