»Wir bieten stets die optimale Lösung«

Technik

Markt & Meinung - Jungheinrich-Vertriebsvorstand Dr. Helmut Limberg über die Lage auf den Märkten, Entwicklungen in der Staplerbranche und die Strategie seines Hauses.Interview: Michael Weilacher

11. Oktober 2011

Herr Dr. Limberg, vor Kurzem noch hat Jungheinrich seine Ergebnisprognose für 2011 angehoben. Erwarten Sie immer noch einen Konzernumsatz von deutlich über zwei Milliarden Euro und einen Betriebsgewinn von 130 Millionen Euro?

Seit unserer letzten Prognose ist die Entwicklung nicht stehen geblieben. An den Börsen gibt es heftige Turbulenzen, die so nicht vorhersehbar waren. Dennoch sind wir, was unsere Geschäftsentwicklung 2011 angeht, weiter optimistisch.

Lassen die Zeiten das zu?

Ja, durchaus. Die Situation an den Börsen spiegelt aktuell noch nicht das reale Wirtschaftsgeschehen, sondern die Zukunftserwartung der Investoren wider. Im ersten Halbjahr 2011 haben wir 37.000 Gabelstapler und Lagertechnikgeräte gefertigt, 35 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Durch die hohe Auslastung der Werke stieg der operative Gewinn allein im zweiten Quartal 2011 auf 37,6 Millionen Euro gegenüber 25,7 Millionen Euro im Vorjahr.

Ein beeindruckendes Zwischenergebnis, keine Frage.

Ja, aber jetzt hängt alles davon ab, ob die Märkte bis zum Ende des Geschäftsjahres stabil bleiben. Zu unserer Freude hatten wir im ersten Halbjahr die Situation, dass Europa mit 38 Prozent ein stärkeres Wachstum aufwies als Asien mit 29 Prozent. Weil Europa der Heimatmarkt von Jungheinrich ist und wir hier besonders stark sind, haben wir von dieser Situation besonders profitiert. Wie die Entwicklung bis zum Ende des Geschäftsjahres verläuft, kann gegenwärtig keiner seriös vorhersagen.

Demnach ist auch nicht sicher, dass der Weltmarkt für Flurförderzeuge in diesem Jahr ein Volumen von 960.000 Einheiten erreicht – eine Zahl, die Sie zu Beginn des dritten Quartals noch nannten.

Wirklich sicher ist nur, was bisher verkauft worden ist. Mit Blick auf das restliche Geschäftsjahr haben wir einen Unsicherheitsfaktor, den wir nur schwer quantifizieren können. Dafür ist die Verunsicherung an den Finanzmärkten einfach zu groß und die Wechselwirkung auf die Realwirtschaft zu ungewiss.

Dennoch gibt es Märkte, die Ihnen nach wie vor viel Freude bereiten.

Die gibt es, keine Frage. Neben Europa natürlich auch Asien und dort insbesondere China – eine Region, in der wir unsere Geschäftstätigkeit weiter ausbauen. Zu diesem Ausbau zählen neue Fertigungsstätten ebenso wie die zügige Fortentwicklung unserer Vertriebsorganisation. Aber auch Südamerika bereitet uns Freude. In Brasilien etwa, wo wir auch viel vorhaben, vollzieht sich das relative Wachstum rasant, wenn auch im Vergleich zu China auf niedrigerer Volumenbasis. 2010 lag das Marktvolumen in Südamerika bei 38.000 Fahrzeugen. Die Wachstumsrate im ersten Halbjahr 2011 betrug 27 Prozent. Und weil wir schon dabei sind: In Nordamerika ging’s im ersten Halbjahr 2011 ebenfalls voran. Hier lag der Zuwachs bei 33 Prozent.

Mit einem Anteil von 46 Prozent am Weltmarkt für Flurförderzeuge im Jahr 2010 haben sich die verbrennungsmotorischen Gegengewichtsstapler buchstäblich als Dauerbrenner erwiesen. Hat Ihr Haus mit seinen Verbrennern ein ausreichendes Portfolio am Start?

In der Premiumklasse der Verbrenner sind wir nach der Erweiterung unserer Hydrostaten-Baureihe komplett. Jetzt sind wir dabei, unsere Position im Bereich der klassischen Wandler-Geräte zu stärken.

Was klassische Geräte betrifft, konventionelle Dieselstapler etwa, ist die Konkurrenz eher größer geworden. Premiumprodukte mal außen vor gelassen, sind auch die chinesischen Hersteller inzwischen ganz flott unterwegs. Die dortigen Hersteller machen Fortschritte.

Ja, das ist absolut richtig. Mit ihrer steilen Lernkurve drängen die Chinesen aus dem Low-Cost-Segment schnell in das mittlere Value-Segment hinein. Als westlicher Hersteller muss man diese Entwicklung im Auge behalten und gegebenenfalls darauf reagieren.

Andere Hersteller kaufen dafür Marken hinzu.

Die Ein-Marken-Strategie von Jungheinrich hat sich für unser Geschäftsmodell bestens bewährt. Für den Geschäftserfolg von Jungheinrich ist die umfassende Bandbreite der Produkte maßgeblich. Damit decken wir ein möglichst breites Anforderungsspektrum unserer Kunden ab.

Dennoch wird es in Zukunft eher mehr als weniger Marken geben, möglicherweise aber unter dem Dach einer abnehmenden Zahl von Unternehmen. Sehen Sie Konzentrationstendenzen, mögliche Übernahmen?

Wir beobachten seit zwei Jahrzehnten, dass die Anzahl der Marktteilnehmer zurückgeht. In den etablierten Märkten ist seit Langem ein Konzentrationsprozess im Gange. Gleichzeitig aber etablieren sich neue Unternehmen im asiatischen Markt.

Welche Entwicklung, Herr Dr. Limberg, sehen Sie für Ihre Branche mit Blick auf die nächsten drei bis fünf Jahre?

Vor dem Hintergrund der Turbulenzen an den Finanzmärkten und der Schuldenkrise in Europa jetzt eine dezidierte Prognose abzugeben, wäre sicher etwas gewagt. Sollte es zu einer neuen Abflachung des Marktwachstums oder gar einer Delle kommen, so gehen wir dennoch von einer wieder einsetzenden Markterholung in den kommenden Jahren aus.

Weit weniger gewagt ist es zu behaupten, dass Jungheinrich ein Premiumanbieter ist. Kann Ihr Haus damit wirklich überall punkten, dort zum Beispiel, wo innovative Drehstromtechnik gar kein großes Thema ist?

Richtig, wir verstehen uns als Premiumanbieter. Premium ist immer auf eine Region oder ein Produktsegment bezogen. Das bedeutet, dass ein Premiumprodukt in Asien ein anderes sein kann, als in einem etablierten Markt. Unsere Drehstromtechnik, auch unter AC-Technik bekannt, wird mittlerweile weltweit nachgefragt, und zwar überall dort, wo es um Energieeffizienz geht, wo geringster Energieverbrauch bei maximaler Leistung ausschlaggebend ist.

Also auch in den aufstrebenden Märkten?

Insbesondere in den aufstrebenden Märkten, denn auch dort ist Energieeffizienz ein wichtiges Thema. China etwa hat es in seinen Fünfjahresplan aufgenommen. Die Strategie dahinter ist klar: Wer wachsen will, braucht Energie. Energie ist begrenzt und daher teuer. Wer also mit möglichst wenig Energie wachsen will, ist effizient.

Dann sind Green Logistics nur so lange attraktiv, wie die Ressourcen, auch die finanziellen, geschont werden?

Über die wirtschaftliche Investition in Green Logistics entscheidet immer das jeweilige Unternehmen. Für Staaten jedoch ist es eine grundsätzliche Frage: Wie verantwortungsvoll gehe ich mit den vorhandenen Ressourcen um? Kann ich es mir wirklich leisten, Energie zu vergeuden. In den meisten Fällen dürfte die Antwort klar sein.

Das Stichwort Energieeffizienz führt uns automatisch zum Thema Antriebstechnologie. Wo setzt Jungheinrich diesbezüglich Schwerpunkte?

Das ist unter anderem abhängig von den unterschiedlichen Märkten und den Akzenten, die dort gesetzt werden. Diese Akzente werden auch von Regierungen gesetzt, die bestimmte Förderprogramme auflegen. Ein gutes Beispiel dafür sind die USA. Dort gibt es Programme, die auch die Brennstoffzelle präferieren. In Europa gibt es andere Tendenzen, etwa die Nutzung elektromotorischer Antriebe in Verbindung mit hocheffizienten LithiumIonen-Batterien oder auch den verstärkten Einsatz der Hybridtechnologie. Dem elektrischen Antrieb mittels LithiumIonen-Technologie allerdings räumt Jungheinrich beträchtliche Chancen ein. Das erste Seriengerät, ein LithiumIonen-Niederhubwagen vom Typ EJE 112i, befindet sich in der Phase der Markteinführung. Ausschlaggebend für eine Investition sind für den Kunden stets die Kosten, und zwar immer öfter die, die ein Gerät über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg verursacht. Jungheinrich hat dieser Kostenbetrachtung aus Kundensicht einen Namen gegeben – Best Invest. Dahinter verbirgt sich eine ganz klare Ansage: Bei Jungheinrich erhält der Kunde die beste Leistung für sein Geld. Auch diesbezüglich ist Jungheinrich in der Branche führend.

Apropos führend: Wie läuft das Systemgeschäft von Jungheinrich? Auch dabei handelt es sich ja um eine wichtige Säule Ihres Unternehmens.

Das Systemgeschäft läuft sehr gut. Durch neue Produkte im Systemgeschäft ergeben sich für unsere Kunden weitere Optimierungsmöglichkeiten und für Jungheinrich natürlich auch weitere Absatzchancen. Beispiele hierfür sind unsere Shuttle-Systeme oder der Auto Pallet Mover, eine fahrerlose Transportlösung. Auch diese Neuentwicklungen zeigen: Wir sehen das Systemgeschäft nach wie vor als einen technisch innovativen, zukunftsträchtigen Bereich an.

Als Teil eines Gesamtkonzept?

Selbstverständlich. Am Ende des Tages geht es doch immer darum, eine intralogistische Aufgabenstellung ganzheitlich für den Kunden wirtschaftlich zu lösen. Eine solche Aufgabe kann einfach, aber eben auch hoch komplex sein. Doch wie immer die Aufgabe auch lautet – Jungheinrich bietet stets die auf den Kundennutzen optimal ausgerichtete Lösung an. Bei unseren Fahrzeugen ist das zum Beispiel dann der Fall, wenn wir die Geräte noch intelligenter miteinander verknüpfen, noch effizienter steuern. Gegenüber Wettbewerbern, die diese Technik nicht beherrschen, haben wir da ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal. Datenkommunikation, Navigation im Schmalgang, Navigation im Breitgang, Staplerleitsysteme, ganzheitliches Flottenmanagement – das sind Jungheinrich-Lösungen, die dem Kunden einen messbaren Effizienzhub bringen.

Der Bereich IT hat also auch bei Jungheinrich spürbar an Bedeutung gewonnen?

IT ist für Jungheinrich ein absoluter Backbone, und zwar in zweierlei Hinsicht: zum einen, wenn es um unsere eigenen Geschäftsprozesse geht, also darum, unseren internen Wirkungsgrad weiter zu verbessern. Zum anderen spielt IT eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung und Ausstattung unserer Produkte. Nur wer intelligente Steuerungstechnik und moderne Systeme für die Kommunikation der Geräte untereinander anbieten kann, verfügt damit über die Voraussetzungen, durch den Einsatz von Staplerleitsystemen und Warehouse-Management-Systemen einen nachhaltigen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg der Anwender zu leisten. Jungheinrich ist ein Lösungsanbieter in der Intralogistik, der nicht nur die Maschinentechnik, sondern auch die Steuerungssysteme samt Software und den Service dieser Systeme und Anlagen voll umfänglich beherrscht.

Daten und Fakten

Jungheinrich zählt zu den international führenden Unternehmen in den Bereichen Flurförderzeug-, Lager- und Materialflusstechnik.

Das Unternehmen mit Stammsitz in Hamburg bietet ein umfassendes Intralogistikprogramm aus Flurförderzeugen, Regal- und Automatiksystemen, Lagerverwaltungssoftware und einer Vielzahl von qualitativ hochwertigen Dienstleistungen an. Im nichteuropäischen Ausland verstärkt Jungheinrich derzeit u.a. sein Engagement in China.

Die Aktie des innovativen Intralogistik-Anbieters von der Elbe wird an sämtlichen deutschen Börsen gehandelt.

Erschienen in Ausgabe: 05/2011