»Wir müssen Produkte schlauer machen«

Dambach Lagersysteme ist Spezialist in Sachen Lager- und Fördertechnik. Was chinesische Wettbewerber, Handelskonflikte und Digitalisierung für den Mittelständler bedeuten, berichten Roland und Benjamin Thumm im »lj«-Interview. Interview: Tobias Rauser

04. September 2018
© Tobias Rauser
(© Tobias Rauser)

Herr Thumm, Sie haben im Jahr 2006 Dambach übernommen. War das aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung?

Roland Thumm (RT): Ja, auf jeden Fall. Man sollte dabei jedoch nicht nur die wirtschaftliche Zielsetzung, sondern auch die Begeisterung für eine unternehmerische Aufgabe sehen. Wichtig ist, dass man positiv an die Aufgaben und Herausforderungen herangeht. Unabhängig davon hat sich das Unternehmen betriebswirtschaftlich ganz gut entwickelt, sodass ich keine Nacht unruhig geschlafen habe.

Wie haben Sie sich die Arbeit mit Ihrem Sohn aufgeteilt?

RT: Die Tätigkeiten sind so aufgeteilt, dass er einen Einstieg in das Unternehmen über technische Aufgabenstellungen bekommt. Durch seine technische Ausbildung war dieser Einstieg naheliegend. Er ist als Produktmanager für neue Produkte zuständig. Dabei wird er mit unterschiedlichen Fragen und Aufgaben in einem Unternehmen konfrontiert. Beginnend von der Marktanalyse über die Produktentwicklung bis hin zur Produktion und dem Vertrieb.

Somit wird er an alle wichtigen Themen herangeführt und sein Verantwortungsbereich stetig erweitert. Er ist nicht nur der Junior, sondern er muss sich durch eigenen Erfolg profilieren. Parallel dazu ziehe ich mich sukzessive zurück. Geplant ist eine langsame und stetige Übergabe.

Gibt es in einem solchen Prozess auch Konflikte zwischen Ihnen?

Benjamin Thumm (BT): Eigentlich nicht. Natürlich gibt es ab und an Meinungsverschiedenheiten. Aber am Ende des Tages ist entscheidend, dass man gemeinsam in eine Richtung läuft; dass man gemeinsam hinter der Entscheidung steht. Ich glaube, das ist der Schlüssel.

Wie läuft es denn für Dambach?

RT: Entsprechend des allgemeinen wirtschaftlichen Umfeldes läuft es für Dambach gut. Beim Umsatz nähern wir uns langsam der 70-Millionen-Euro-Grenze.

Wann ist es soweit?

RT: Vielleicht dieses Jahr, vielleicht nächstes Jahr. Schauen wir mal. Wir sind nahe dran. Vorausgesetzt es gibt keine konjunkturellen Rückschläge, was in der derzeitigen weltpolitischen Lage nicht ausgeschlossen werden kann. Und außerdem: Umsatz ist nicht alles. Viel wichtiger ist der nachhaltige wirtschaftliche Erfolg. Nur damit werden die Zukunft eines Unternehmens und die damit verbunden Arbeitsplätze gesichert.

Haben Sie Angst vor einer Konjunktureintrübung?

RT: Es gibt keinen Berg, der keinen Gipfel hat. Wir sind auf der aufsteigenden Flanke dieses Berges – schon seit Jahren. Wann wir die Spitze erreichen werden, kann ich nicht sagen. Ich habe jedoch das Gefühl, dass die Steigung der Flanke abflacht. Das sollte aber nicht zu Panik führen, denn wir befinden uns auf sehr hohem Niveau.

Wenn Sie investieren, wie wichtig ist das politische Umfeld für Ihre Entscheidung?

RT: Das politische Umfeld ist sehr wichtig. Die politische Lage in Europa, aber auch in Deutschland beunruhigt mich. Ich gehöre zur Nachkriegsgeneration, die Europa beim Zusammenwachsen zusehen durfte. Wir profitieren heute von freiem Waren- und Personenverkehr. Dies ist heute für uns Gewohnheit und war früher die Vision von wenigen.

Nationalistische Tendenzen in einzelnen Ländern stellen all diese Errungenschaften infrage. Es besteht die Gefahr, dass Europa in die Klein-Staaterei zerfällt und somit an Bedeutung in der Welt verliert.

Ist der drohende Handelskrieg zwischen den USA, China und Europa auch für den deutschen Mittelstand eine echte Gefahr?

RT: Ja, absolut. Nicht nur direkt, sondern auch indirekt. Es gibt viele deutsche Unternehmen, die zum Beispiel in China für den amerikanischen Markt produzieren und umgekehrt – denken Sie etwa an Harley-Davidson.

Bei einem Umsatzeinbruch und der Verlagerung von Produktionen verändern sich auch die dazugehörigen Materialflüsse. Somit trifft es indirekt auch uns. Es kann sowohl positive als auch negative Folgen für den Intralogistikmarkt haben.

BT: Freier Handel ist unglaublich wichtig. Er ist der Garant für nachhaltiges Wachstum. Wenn jede Nation ihren Markt abschotten würde, wären die Folgen enorm. Der freie Wettbewerb zwischen Unternehmen wäre eingeschränkt und sogar unterdrückt. Technische Entwicklungen, welche sich oft aus dem Wettbewerb ergeben, würden eingeengt.

Welche Rolle spielt China: Absatzmarkt oder Wettbewerber?

BT: Beides. Asien ist und bleibt eine interessante Absatzregion. Qualität »Made in Germany« ist nach wie vor gefragt – speziell auch bei Projekten mit hohen technischen Anforderungen. Hinzu kommt, dass der chinesische Intralogistikmarkt sehr dynamisch ist und sich sehr stark entwickelt. Chinesische Generalunternehmer sind zudem verstärkt auch außerhalb Chinas aktiv und realisieren bereits mithilfe unserer Produkte Anlagen. Gleichzeitig drängen viele chinesische Hersteller mit eigenen Produkten auf den Markt.

RT: Was hinzu kommt, ist die staatliche Unterstützung der Unternehmen. China will Technologieführer werden und hat hierfür einen Masterplan. Da kommt es nicht selten vor, dass Angebote chinesischer Unternehmen in unserem Absatzbereich betriebswirtschaftlich nicht zu 100 Prozent nachvollziehbar sind. Da wird das Preisgefüge manchmal sehr gedehnt.

Und schneller sind diese Unternehmen oft auch.

RT: So ist es. Das ist fast unheimlich. Wo wir hier im Land lange diskutieren, ob und wie wir etwas bauen wollen, sind die Chinesen schon fertig.

Unternehmen

Doland Thumm (Jahrgang 1952) ist geschäftsführender Gesellschafter bei Dambach Lagersysteme. Der studierte und promovierte Maschinenbauer war mehrere Jahre in einer Unternehmensberatung und in der Fördertechnikbranche tätig. Seit 1997 ist Thumm Geschäftsführer bei Dambach Lagersysteme. 2006 erfolgte die Übernahme des Unternehmens als Gesellschafter. Sein Sohn Benjamin Thumm (Jahrgang 1985) ist Produktmanager bei Dambach und hat nach dem Studium des Maschinenbaus im Bereich der Produktkostenoptimierung im Anlagenbau promoviert. Bis zu seinem Eintritt bei Dambach war er bei der Siemens AG tätig.

Im Markt reden alle über »Digitalisierung«. Was bedeutet das konkret für ein mittelständisches Unternehmen wie Dambach Lagersysteme?

BT: Digitalisierung bedeutet erst mal für uns und für unsere Kunden, Informationen einfacher, schneller und vernetzter zugänglich zu machen. Der Grundgedanke, Informationen dezentral bereitzustellen und durch integrierte Steuerungen vollständig in den einzelnen Produkten zu verankern, verändert die herkömmliche Schnittstelle zwischen Maschinenbau, Steuerung und Software.

Einzelne Komponenten werden zunehmend intelligenter. Neue Konstruktionsansätze sind gefordert. Dadurch eröffnen sich auch für den Anwender ganz neue Möglichkeiten.

Wie weit sind wir auf diesem Weg zur Industrie 4.0?

BT: Viele Unternehmen beschränken den Gedanken Industrie 4.0 und Digitalisierung auf die Cloud-Technologie. Industrie 4.0 ist aber viel mehr. Es gibt zahlreiche Unternehmen, die damit werben, Industrie 4.0 bereits seit Jahren umgesetzt zu haben.

Aber realistisch gesehen – ohne die ganzen Marketing-Floskeln – glaube ich, dass wir noch einen weiten Weg in Richtung Industrie 4.0 beschreiten müssen. Wir haben viele gute Ansätze und sind auf einem guten Weg, haben jedoch unser Ziel noch nicht erreicht.

Woran hapert es Ihrer Meinung nach?

BT: Digitalisierung und Industrie 4.0 sind noch nicht vollständig umgesetzt. Zur vollständigen Vernetzung von Maschinen und zur besseren Transparenz von Daten ist die Cloud sicher eine wichtige Technologie. Jedoch müssen auch die Verarbeitung, die Verwaltung und der Austausch weiter vorangetrieben werden. Hier spielen sicher dezentrale Logikglieder eine zunehmend wichtige Rolle.

Also eine Dezentralisierung?

BT: Exakt. Wir müssen die Produkte schlauer machen. Viele unserer Kunden sehen zum Beispiel ihre Wertschöpfung noch in der klassischen Verkabelung. Dabei geht es meiner Ansicht nach um einfache und intelligente Plug-and-play-Lösungen, die schnell und skalierbar zu integrieren sind – mit weniger Komplexität.

Meine Herren, herzlichen Dank für das Gespräch!

Erschienen in Ausgabe: 04/2018