»Wir werden die schwierige Lage meistern«

Intralogistik

Markt - Wie die ganze Branche leidet auch der Intralogistiker Jungheinrich unter der Krise. Vertriebsvorstand Dr. Helmut Limberg hat aber bereits bessere Zeiten im Blick.Gesprächspartner: Michael Weilacher

24. September 2009

Dr. Helmut Limberg: Auch bei dieser Frage gilt: Nur wer eine Historie hat, hat auch eine Zukunft. Mit Historie meine ich in diesem Zusammenhang das Jahr 2008. Wenn Jungheinrich in der Weltrangliste der Flurförderzeug-Hersteller den dritten Platz belegt, signalisiert das dem Kunden, dass wir uns entwickelt haben, dass wir noch besser geworden sind. Die Frage ist aber, wie es weitergeht. Bei allen Unwägbarkeiten ist klar: Den dritten Platz wollen wir halten. Und wir sind uns ziemlich sicher, dass uns das gelingen wird.

lj: Endlich mal eine positive Aussage in diesen schwierigen Zeiten.

HL: Auch wir sind konfrontiert mit dem dramatischen Abschwung. Aber wir halten es mit Max Frisch: Die Krise ist ein produktiver Zustand, man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Statt ständig von der Krise zu sprechen, sollten wir lieber von der neuen Realität reden – eine Realität, die durch ein drastisch geringeres Weltmarktvolumen gekennzeichnet ist. Da kommt es nun auf Weitsicht und einen klaren Kurs im Hinblick auf die notwendigen Anpassungsmaßnahmen an. Mit dem von uns eingeschlagenen Kurs, der strukturelle Anpassungen mit sich bringt, sind wir ganz sicher, dass wir die schwierige Lage auf den Märkten meistern werden.

lj: Wie schön, wieder ein positives Statement.

HL: Aus gutem Grund, denn zur Bewältigung der aktuellen Situation haben wir die passenden Mitarbeiter, das richtige Produkt- und Dienstleistungsangebot und das erforderliche Engagement. Damit werden wir das Problemjahr 2009 kraftvoll überbrücken. Das müssen wir auch, denn Umsatz und Ergebnis haben deutlich nachgegeben. Auch die von uns ergriffenen strukturellen Maßnahmen werden unser Ergebnis in diesem Jahr einmalig belasten.

lj: Zu den strukturellen Maßnahmen zählt auch die Verringerung der Mitarbeiterzahl.

HL: Ja, leider. Aber wir müssen der neuen Realität, die ein Marktvolumen wie im Jahr 2007 erst in vier bis fünf Jahren wieder realistisch erscheinen lässt, auch in unseren Strukturen Rechnung tragen. Das heißt: Wir müssen unsere Kapazitäten anpassen und die Personalkosten deutlich reduzieren.

lj: Wobei Sie auch die Möglichkeiten der Kurzarbeit ausschöpfen?

HL: Selbstverständlich. Überall dort, wo wir die Überbrückung des Nachfrageeinbruchs mittels Kurzarbeit abfedern können, geschieht das auch. Wo die Kurzarbeit allerdings zu kurz greift, müssen wir unsere Ressourcen anpassen. Ziel der Maßnahmen ist, ich sage es noch einmal, 2009 zu überbrücken, damit wir im Jahr 2010 durchstarten können.

lj: Durchstarten? Das klingt angenehm optimistisch.

HL: Optimistisch und vor allem realistisch. Je schneller wir uns auf die neue Realität einstellen, desto schneller sind wir in der Lage, die Chancen hieraus zu nutzen. Jungheinrich hat sich sehr schnell auf die veränderte Lage am Markt eingestellt.

lj: Das behaupten andere Unternehmen auch von sich. Dennoch sind ihre Prognosen auch von einer guten Portion Hoffnung getragen.

HL: Bei Jungheinrich sind sie von Taten getragen. Natürlich weiß ich aus Gesprächen mit Wettbewerbern, dass jeder im Moment seine spezifischen Probleme hat – genau wie wir. Wir sind natürlich froh, dass wir uns so frühzeitig auf die veränderten Umstände eingestellt haben.

lj: Die schwache Nachfrage nach Flurförderzeugen hat zu enormen Überkapazitäten geführt, auch in Europa, wo Jungheinrich seine Stamm-Märkte hat.

HL: Kritisch ist für uns - wie auch für die dort vertretenen Wettbewerber - insbesondere Osteuropa. Es gibt Länder, Russland und die Ukraine etwa, in denen verzeichnen wir ein negatives Marktvolumen. Normalerweise kennt man ja nur null. Aber dort ist das Marktvolumen unter null gesunken. Aufträge wurden storniert. Aber es gibt auch erfreuliche Ausnahmen. Polen zum Beispiel ist ein Land, das von der Krise nicht so stark betroffen ist.

lj: Nachdem die Krise überall auf der Welt Folgen zeitigt und das Ausweichen auf andere Territorien nur bedingt Erfolg verspricht: Welche Möglichkeiten gibt es, die Umsatzeinbrüche zumindest ansatzweise zu kompensieren?

HL: Die Möglichkeiten der Kompensation sind für Jungheinrich wie auch für die anderen Hersteller sehr begrenzt. Es gibt keinen Markt, auf dem wir uns nicht schon umgesehen hätten. Natürlich gibt es für uns noch einen Nachholbedarf in traditionell weniger umsatzstarken Regionen, die wir bisher nicht so intensiv bearbeitet haben. Aber dort generieren wir keine Umsätze, die die schwache Nachfrage in Europa kompensieren könnten. Hier erwarten wir für 2009 einen sehr deutlichen Umsatzrückgang.

lj: Sie gehen im Jahr 2009 für das Weltmarktvolumen von einem Minus von 40 Prozent aus eine eher noch vorsichtige Schätzung?

HL: Wir gehen davon aus, dass der Tiefpunkt in diesem Jahr erreicht ist und dass es ab Mitte 2010 langsam wieder bergauf gehen wird. Welche Entwicklung die Märkte bis Ende des Jahres nehmen, kann aber niemand seriös vorhersagen.

lj: Bisher haben wir über den Neugeräte-Markt gesprochen. Wie aber sieht’s in den anderen Bereichen aus?

HL: Für Mietgeräte und den Markt für Gebrauchtfahrzeuge fehlen uns adäquate Statistiken, wie sie für das Neufahrzeuggeschaft verfügbar sind. Was wir aber sagen können ist, dass für Jungheinrich das Geschäft mit gebrauchten Geräten momentan wirklich hervorragend läuft. Hier liegen wir im Verkauf deutlich über dem Vorjahr.

lj: Wobei auch das Gebrauchtgeräte-Geschäft nur ein Teil des Geschäftsmodells von Jungheinrich ist.

HL: Richtig. Unser Gesamtgeschäftsmodell besteht aus dem Neufahrzeug-, dem Miet- und Gebrauchtgeräte-Geschäft sowie aus den Bereichen Logistiksysteme und After Sales. Unserem Anspruch, ein produzierender Dienstleister zu sein – wobei Dienstleister zu unterstreichen ist – werden wir also in vollem Umfang gerecht. Und das sichert uns auch in der aktuellen Krisenphase ein Stück Kompensation. Wir sind nämlich vom negativen Ertragseffekt aus dem Abschwung im Neufahrzeug-Geschäft im Vergleich zu anderen Marktteilnehmern schwächer getroffen, weil wir über ein nach wie vor gut funktionierendes Dienstleistungsgeschäft verfügen.

lj: Der After-Sales-Bereich ist also wichtiger denn je?

HL: Fraglos. Und das ist für all jene ein Problem, die nicht über einen eigenen stabilen After-Sales-Umsatz verfügen. Für diejenigen also, die ihre Produkte schwerpunktmäßig über eine Händler-Organisation vertreiben.

lj: Jungheinrich setzt einzig auf den Direktvertrieb – der allein selig machende Weg?

HL: In Boom-Zeiten ist der Direktvertrieb langsamer, weil er nur mit entsprechendem Kapitalaufwand in neuen Regionen und Ländern vorangetrieben werden kann. Er ist somit ein teurer, kostenintensiver, jedoch nachhaltiger Vertriebsweg. In schwierigen Zeiten aber ist er deutlich näher am Markt. Bei Jungheinrich etwa ist der Direktvertrieb eine wesentliche Ursache dafür, dass wir bei rückläufiger Nachfrage Marktanteile hinzugewinnen.

lj: In der Krise, werden viele nicht müde zu betonen, liege immer auch eine Chance. Teilen Sie diese Auffassung?

HL: In gewisser Weise ja, denn Krisen bieten unter anderem die Chance, möglicherweise vorhandene Fehlentwicklungen zu korrigieren. Bei Jungheinrich hatten wir allerdings keinen diesbezüglichen Korrekturbedarf zu verzeichnen. Wichtige Grundsatzentscheidungen haben wir bereits vor Jahren getroffen. Zum Beispiel, auf die Ein-Marken-Strategie und den Direktvertrieb zu setzen. So haben Markenbereinigungen und die notwendige Schließung von Werken in Frankreich und England lange vor dem Einbruch der Märkte stattgefunden.

lj: Die neue Realität, wie Sie die Krise nennen, bewirkt auch, dass die Preise für Flurförderzeuge weiter fallen. Wie weit kann Jungheinrich diesbezüglich gehen?

HL: So weit es uns der Markt aufzwingt und so weit wir es mit unserer Verantwortung für den Markt vereinbaren können.

lj: Bedeutet das, dass Sie selbst in schwieriger Zeit auf bestimmte Geschäfte lieber verzichten?

HL: Ja, weil wir glauben, dass jeder Marktteilnehmer dazu beitragen muss, dass das Preisniveau auf einem für alle Anbieter auskömmlichen Niveau gehalten werden sollte.

lj: Und? Spielen da alle mit?

HL: Dies ist auch im Interesse der Kunden, die damit über Anbieter verfügen, die eine langfristige Perspektive hinsichtlich Entwicklung, Produktion und Kundendienst für sie sicherstellen können. Die unternehmerische Entscheidung trägt jeder Anbieter selbst. Wobei es natürlich immer Ausnahmesituationen gibt. Situationen, in denen nur noch gegen die Zinsen gearbeitet wird. Bei uns ist das nicht der Fall. Jungheinrich ist solide finanziert.

lj: Und das heißt?

HL: Wir arbeiten gegen unsere Kosten und für unseren Ertrag. Bei uns stehen Liquidität und Rentabilität im Vordergrund – auch in Krisenzeiten. Indem Sie Geräte verschleudern, erzeugen Sie kein Marktvolumen.

lj: Apropos Marktvolumen, große Hoffnungen setzt Jungheinrich seit Jahren auch auf das Projektgeschäft. Wie sieht es derzeit in diesem Bereich aus? Ist er von der Krise, oder wie Sie sagen, der neuen Realität ähnlich stark betroffen wie das Neugeschäft mit Flurförderzeugen?

HL: Ja, allerdings in spezieller Weise. Wegen relativ großer Investitionsvolumina ist das Projektgeschäft zum einen stark davon abhängig, ob die Banken eine Finanzierung ermöglichen. Zum anderen fragt der Kunde in diesen Zeiten verstärkt nach den Perspektiven für sein Projekt. Jemand, der verunsichert ist, wird kaum eine Investition in Millionenhöhe tätigen. Was allerdings nach wie vor läuft, sind kleinere Projekte, Verbesserungen im Materialfluss etwa oder Effizienzverbesserungen in der Lagerlogistik. Die laufen sogar besser als vorher. Da hatten die Kunden in Boomzeiten meist gar nicht die Zeit, solche Projekte durchzuziehen. Und was größere Investitionen betrifft: Die Schockstarre löst sich. Die Anfragetätigkeit war noch nie so intensiv wie jetzt. Was wohl daran liegt, dass die Kunden für den Aufschwung gut präpariert sein möchten. Wir freuen uns über eine maßgebliche Anzahl aktuell positiv für uns entschiedener Großprojekte.

lj: Gut vorbereitet auf bessere Zeiten müssen auch die Intralogistiker selbst sein. Das allerdings setzt Engagement im Bereich Forschung und Entwicklung voraus. Wie sieht’s diesbezüglich bei Jungheinrich aus?

Erschienen in Ausgabe: 05/2009