»Wir wollen alle überzeugen«

Interview - Wie geht’s weiter mit der Cemat? Welche Rolle spielt die Logistik auf der Hannover Messe? »logistik journal« hat mit dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Messe AG, Jochen Köckler, über die Cemat-Integration, die Verzahnung von Logistik und Produktion und die Zukunft des Messegeschäfts gesprochen.

25. März 2019
28.01.2019, Hannover

Messegelaende - BH 1 - Deutsche Messe AG - Vorstandsvorsitzender Dr. Jochen Koeckler

Foto: Lars Kaletta
Jochen Köckler, Vorstandvorsitzender der Deutschen Messe AG. (© Deutsche Messe/Lars Kaletta)

Interview: Tobias Rauser

Herr Köckler, Sie sind seit mittlerweile anderthalb Jahren Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Messe. Wie lautet Ihr Fazit nach dieser herausfordernden Zeit?

Ich war zum Glück vorher schon fünf Jahre Mitglied des Vorstandes. Darauf konnte ich aufbauen und habe meine bestehenden Aufgaben fortgeführt. Hinzu kamen das Thema Personal und der Komplex Digitalisierung. Zudem sind wir seit Ende des Jahres ja nur noch zwei statt drei Vorstände. Die zusätzliche Verantwortung als Vorsitzender macht mir Freude, ist aber natürlich auch fordernd. Kurz: Es waren sehr bewegende, intensive anderthalb Jahre.

Intensiv auch, da in den letzten Monaten die Einstellung der Cebit und die Neuausrichtung der Cemat auf der Agenda standen.

In der Tat. Da wir zur Cemat ja sicher gleich noch kommen, ein kurzes Wort zur Cebit: Es kann immer sein, dass der Lebenszyklus einer Messe vorbei ist. Am Ende sind unsere Messen Spiegelbilder der Märkte. Digitalisierung ist heute das zentrale Thema auf nahezu jeder Messe, damit sinkt die Nachfrage nach einer vertikalen Veranstaltung wie der Cebit. Natürlich macht es keine Freude, eine unpopuläre Entscheidung zu treffen und zu vertreten.

Wir im Vorstand haben diese Entscheidung gemeinsam nach sorgfältigster Abwägung getroffen. Aufgrund der dramatisch schwachen Nachfrage auf Ausstellerseite bestand keine Aussicht auf ausreichend Besucher. Wegen dieser mangelnden Perspektive und der Tatsache, dass wir ein Wirtschaftsunternehmen sind, war die Absage konsequent.

Wie hat sich das Messegeschäft in den letzten Jahren verändert?

Da gibt es zwei große Linien: Globalisierung und Digitalisierung. Das halte ich auch nicht für leere Schlagworte, wie man das immer wieder liest und hört. Im Gegenteil, das sind zwei gigantische Trends, die nicht wieder weggehen. Für uns bedeutet das beispielsweise: Wir haben auf vielen Messen den Riesenmarkt China in einer großen Selbstverständlichkeit hier als Aussteller und als Besucher. Das zweite große Thema ist die Digitalisierung. Die Kommunikationsmöglichkeiten im Vorfeld und während einer Messe haben sich in den letzten fünf Jahren dramatisch verändert. Wir müssen unsere Messen sehr genau an diesen beiden Megatrends ausrichten und fragen: Wo ist da unser Platz?

Und, wo ist der Platz der Deutschen Messe?

Für uns gilt es, das Alleinstellungsmerkmal einer Messe herauszuarbeiten. Menschen wollen sich auch im digitalen Zeitalter physisch treffen. Sie wollen sich austauschen, diskutieren. Zum Beispiel im Rahmen der Hannover Messe: Die Besucher wollen an konkreten Anwendungsfällen verstehen, wie sie die Digitalisierung der Industrie meistern können. Wenn wir es richtig machen, werden Globalisierung und Digitalisierung gute Messen eher befeuern und besser machen. Schließlich können wir dem Besucher im Vorfeld präzise sagen, welcher Content wann und wo drin ist. Und das schätzt er.

Infos kann ich auch aus dem Netz bekommen. Geht es dann eher um Networking?

Nein. Wir verschieben unser Geschäft dahin, dass die Messe für die Entscheider Erlebnisse schafft, die sie vor einem Bildschirm nicht bekommen. Wenn ich investieren möchte, dann ist das Erlebnis des Eintauchens in eine Messe einfach anders. Als Investor will ich meine Geschäftspartner sehen, wenn ich zum Beispiel drei Millionen Euro ausgebe. Aber es stimmt schon: Uns Messemachern muss klar sein, dass es nicht reicht zu sagen: Ich mache eine Messe und schließe die Tore auf, bitte kommt mal alle. Es geht mehr in Richtung eines besser vorbereiteten Besuchers, es geht darum, das Messeerlebnis zu inszenieren und sich als Wissensplattform zu präsentieren.

Kommen wir zu einem Thema, über das in der Branche viel diskutiert wird: die Cemat. Mit deren Verlauf waren viele Aussteller nicht zufrieden. Das haben sie auch bei uns im Magazin deutlich gemacht, wie etwa Toyota-MH-Europa-Chef Matthias Fischer. Wie sehen Sie das: Wie ist die Cemat gelaufen?

Viele Jahre war die Logistik Teil der Hannover Messe, dann gab es Anfang dieses Jahrhunderts 2002/2003 die Idee, eigenständig zu werden. Die Cemat wurde in einem dreijährlichen Rhythmus als Leitmesse aufgesetzt. Als ich die Verantwortung übernommen habe, stand gerade fest, dass die Cemat wieder in den zweijährlichen Rhythmus neben die Hannover Messe geht. Beides ist auf Wunsch der Aussteller erfolgt. Zunächst wollten sie die Eigenständigkeit, dann wollten sie wieder näher an die Hannover Messe heranrücken. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Hannover Messe heute als weltweit wichtigste Industriemesse ganz anders dasteht, als sie das Anfang dieses Jahrhunderts tat.

»Ich rede ungern über andere, denn wir müssen unser eigenes Produkt attraktiv machen.«

— Jochen Köckler, Deutsche Messe

Im letzten Jahr lief das nicht wie geplant.

Ja, das ist so. Wir haben die beiden Messe-Marken parallel aufgesetzt und während der Messe gemerkt, dass im Cemat-Bereich weniger Besucher waren als erwartet. Und auf der anderen Seite war im Bereich Hannover Messe deutlich mehr los. Das haben wir nach der Messe sehr ehrlich mit Ausstellern wie Toyota oder Still in unserem Beirat besprochen.

Was wünschen sich die Aussteller?

Sie wollen eine noch nähere, bessere Integration. Dass wir mit der Cemat noch stärker unter das sehr starke Dach der Hannover Messe gehen.

Wo lagen die Probleme? In der Positionierung der Hallen?

Sicherlich hat die starke Marke Hannover Messe mit den Themen Automation und Digital Factory viele logistikinteressierte Besucher gebunden. Das war unsere gemeinsame Lernkurve, und das ist auch ganz wichtig für die Neuausrichtung, dass offenbar gerade die internationalen Besucher sich immer mehr für Lösungen interessieren. Nehmen Sie Toyota: Das Unternehmen hatte auf dem Microsoft-Stand ein Exponat. Hier war es unglaublich voll.

Es ergibt aber keinen Sinn, im Rückblick mit Schuldzuweisungen zu arbeiten. Wir schauen jetzt gemeinsam nach vorn und werden die Logistik in 2020 auf der Top-Plattform Hannover Messe deutlich positionieren und integrieren mit Anschluss an die Bereiche Automation und Digitale Ecosystems.

War der Internationalisierungskurs ein Problem für die heimische Messe?

Im Gegenteil. Wir als Messemacher sind der Überzeugung: Je breiter die Marke im Ausland ist, desto mehr Besucher kommen zur Muttermesse. Dort müssen dann aber natürlich auch die Innovationen gezeigt werden. Eine starke Cemat Asia behindert uns in Hannover nicht.

»Digitale Plattformen und Firmen unterscheiden nicht mehr zwischen Produktion und Logistik.«

— Jochen Köckler, Deutsche Messe

Was ist denn nun das Ergebnis Ihrer Überlegungen mit den Ausstellern?

Die Logistik wird ein noch bedeutenderer Teil der Hannover Messe. Alleine schon deshalb, weil die Themen »Automation und Digital Factory« boomen. Da ist jede Menge Logistik drin, die Übergänge sind fließend. Das sehen wir jetzt schon auf der kommenden Hannover Messe. Wir werden die Logistikthemen als festen Bestandteil in die Hannover Messe integrieren und haben damit die einzigartige Chance, die Synergien zu den Themen Automation und Digital Factory auf einer globalen Plattform abzubilden. Im März gibt es hierzu noch eine Beiratssitzung und dann wird das neue Konzept zur Hannover Messe 2020 kommuniziert. Wir arbeiten daran mit allen Beteiligten intensiv.

Wenn das passiert und Sie die Cemat noch weiter integrieren, ist die Marke »Cemat« dann tot?

Wir diskutieren sehr sorgsam, wie wir mit dem Markennamen »Cemat« umgehen. Noch ist nichts beschlossen (siehe Kasten). Die Marke verschwindet sicher nicht gänzlich. Wir haben schließlich eine globale Marke in Shanghai, in Moskau, in Istanbul und an anderen Stellen. Viel entscheidender als die Markenfrage ist doch, dass der Besucher aus der Logistik weiß: Auf der Hannover Messe ist neben Produktion und Energie Logistik die dritte starke Säule.

Reden wir von einem jährlichen Rhythmus?

Das entscheiden wir gemeinsam mit unseren Ausstellern. Die Themen Automation, Digital Factory und Energy finden jährlich statt. Die Logistik kann mit anderen Themen atmen, die ebenfalls in einem Zweijahresrhythmus ausgerichtet werden. Durch die Digitalisierung haben wir so schnelle Innovationszyklen, dass wir das sensibel steuern.

Wie viele Aussteller aus den ehemaligen Cemat-Hallen wollen Sie von dem neuen Konzept 2020 überzeugen?

Wir wollen natürlich alle überzeugen.

Wenn man im Markt über die Cemat spricht, landet man schnell bei Ihrer Konkurrenz aus dem Süden, der Logimat. Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen beiden Messen?

Die Logimat hat eine dynamische Entwicklung genommen, weil sie in einem jährlichen Konstrukt sehr produkt- und marktnah ist. Ich rede ungern über andere, denn wir müssen unser eigenes Produkt attraktiv machen. Unser Alleinstellungsmerkmal muss es sein, dass wir jährlich mit 200.000 Besuchern, von denen ein Drittel nicht aus Deutschland kommt, ein Pfund haben, was attraktiv ist für die Aussteller, die mit diesen Besuchern ins Geschäft kommen wollen. Wir ziehen Besucher an, die in Gesamtlösungen denken. Damit unterscheiden wir uns von der Messe in Stuttgart. Wenn wir in 2020 im neuen Format an den Markt gehen, dann muss es so sein, dass wir in Hannover nicht die gleichen Besucher wie in Stuttgart haben.

Die Logimat wird oft gelobt für Ihre persönliche Betreuung. Gibt es Dinge, die Sie von der Konkurrenz im Süden lernen können?

Entscheidend ist, dass wir Messekonzepte machen, die unseren Ausstellern gefallen. Hier haben wir durch die Größe einer Hannover Messe für ausländische Besucher ein fantastisches Angebot. Und natürlich müssen wir dabei ganz nah an unseren Kunden sein.

Im Jahr 2019 lautet der Leitspruch der HMI: »integrated industry, industrial intelligence«. Was bedeutet dieser englische Slogan ganz konkret?

Was wir bei der Hannover Messe sicherlich richtig gemacht haben, ist, dass wir seit 2013 konsequent auf »integrated industry« gesetzt haben. Wir haben die Industrie wieder in den Mittelpunkt gestellt. Mit integrierten Lösungen. Die Fabriken und die Produktion wurden mit Sensoren immer stärker vernetzt, es werden große Datenmengen gesammelt. Heute ist man in der Lage, die erfassten Daten nicht nur richtig zu nutzen, sondern daraus auch Zukunftsszenarien zu entwickeln. Viele tun sich schwer mit dem Thema künstliche Intelligenz. Aber genau das wird jetzt passieren. »Machine Learning« ist ein wichtiges Thema auf der Hannover Messe 2019.

Wo befinden wir uns denn auf dem Weg zum Internet der Dinge?

Wie im Privaten ist es auch in der Industrie so: Durch Vernetzung entstehen Vorteile. Vor fünf Jahren ging es noch darum, die Roboter hinter dem Schutzzaun hervorzuholen. Heute programmieren wir diesen wie ein iPad. Wichtig ist, dass das Internet der Dinge kein Selbstzweck ist. Die Firmen machen es nicht, weil es schön und modern ist, sondern am Ende geht es immer um Wettbewerbsfähigkeit.

Gibt es nicht immer noch ein Silodenken, das der Vernetzung entgegensteht?

Wenn man auf die digitalen Plattformen guckt, Beispiel Microsoft, dann würde ich die Frage mit »nein« beantworten. Diese Firmen unterscheiden gar nicht mehr zwischen Produktion und Logistik. Wir als Messe müssen aus Besuchersicht denken. Ein Beispiel: Es kommt jemand, der seine Produktion erweitern und modernisieren möchte. Der Besucher wird nach einem Gesamtkonzept suchen, in dem die Dinge miteinander verknüpft sind. Viele Dinge kann man nur integriert denken. Logistik und Industrie sind aus Kunden- und Besuchersicht nicht getrennt.

Die HMI ist groß, was auch zu langen Laufwegen führt. Wie versuchen Sie, der Unübersichtlichkeit Herr zu werden?

Das geht nur durch optimale Vorbereitung. Wir haben eine große Presse-Preview veranstaltet mit 130 Journalisten. Wir sind eine gut sortierte Messe. Das heißt, der Spezialist, der sich nur für Sensoren interessiert oder nur für Roboter, der kann hier fünf Tage in zwei Hallen verbringen und ihm wird es nicht langweilig. Aber natürlich gibt es auch den Generalisten, der sich für mehr interessiert. Wenn dieser dann nur einen Tag Zeit hat für die ganze Messe, dann sollte er sich schon sehr gut vorbereiten (lacht).

Wo sehen Sie die Hannover Messe in zehn Jahren? Wo soll der Fokus liegen, nachdem man Cebit und Cemat integriert hat?

Wir sind der jährliche internationale Treffpunkt für die Zukunft von Industrie, Logistik und Energie. Mit maximalem Anspruch an das, was hier gezeigt wird. Wir wollen einen globalen Marktplatz entwickeln. Wir müssen die absolute Innovationsspeerspitze in der Kommunikation bleiben. Wenn man sich anschaut, was andere Veranstaltungen wie die CES in Las Vegas machen mit viel weniger Content: Wir werden uns, was die Industrie angeht, nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Das ist unser Anspruch. Dem wollen wir unbedingt gerecht werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Marke »Cemat«

Ob die Marke »Cemat« Teil der Hannover Messe im Jahr 2020 bleibt oder verschwindet, stand zum Redaktionsschluss von „logistik journal 2“ Anfang März noch nicht fest. Der Ausstellerbeirat wollte Mitte des Monats über dieses Thema diskutieren. Das Ergebnis der Diskussion wollte die Deutsche Messe (Stand Anfang März) am Rande der HMI verkünden. Auch über den exakten Ablauf der Integration des Themas »Logistik« möchte das Unternehmen im April informieren.

Erschienen in Ausgabe: 02/2019
Seite: 5 bis 29