Zukunftsfragen

Logistikbranche Die Logistik boomt. Doch wie kann die Branche innovativ bleiben und gleichzeitig dem Verkehrswachstum entgegenwirken? Das »Innovationsprogramm Logistik 2030« des Bundesverkehrsministeriums hat zehn Maßnahmenfelder definiert. Dafür gibt es Lob und Kritik.

21. November 2019
Loaded European truck on motorway in beautiful sunset light. On the road transportation and cargo.
(© Fotolia/Jagcz)

Andreas Scheuer benennt die wichtigste Herausforderung gleich im Vorwort seines Innovationsprogramms: »Güterverkehr und Logistik stehen vor der gemeinsamen Aufgabe, mehr Transporte und mehr Mobilität bei weniger Verkehr zu ermöglichen.« Auf den folgenden Seiten führt das Ministerium dabei Ideen und Maßnahmen auf, die dazu beitragen sollen, diesen Konflikt aufzulösen. Das übergeordnete Ziel des Programms, das im Koalitionsvertrag zwischen CDU, SPD und CSU vereinbart wurde, lautet, »die weltweite Spitzenposition des Logistikstandorts Deutschland weiter zu stärken und auszubauen«. Dass das grundsätzlich eine gute Idee ist, findet Jochen Quick, Präsident des Bundesverbandes Wirtschaft, Verkehr und Logistik (BWVL): »Politik und Logistik können in diesen schnelllebigen Zeiten ein solches Programm als Richtschnur und Ausrichtung für zukünftiges Handeln gut gebrauchen«, sagt der Unternehmer. Lob kommt auch von den Spediteuren im DSLV (siehe Interview mit Frank Huster auf Seite 22).

»Dieses Programm kann nur die Basis für eine Implementierung weiterer Schritte sein.«

— Jochen Quick, BWVL

Und nach der nächsten Wahl?

Das »Innovationsprogramm Logistik 2030« beschreibt in zehn Kapiteln die wichtigsten Visionen, Handlungsfelder und Maßnahmen: von der digitalen Infrastruktur über Vernetzung und intelligente Verkehrsträger bis hin zur letzten Meile und zur Citylogistik. »Wir brauchen einen Leitfaden, der uns für das nächste Jahrzehnt den Weg weist«, sagt der Verkehrsminister. Ob das Programm jedoch genau das leisten kann, also über die Legislatur hinaus wirkt, ist offen. BWVL-Chef Quick sagt: »Ich befürchte, dass einem grünen Verkehrsminister die Maßnahmen des Programms nicht reichen werden und er deutlich andere Schwerpunkte setzten wird.« Bestätigt wird er in seiner Einschätzung durch den zuständigen Sprecher der Grünen im Bundestag, Matthias Gastel, der im Interview mit »logistik journal« (Kasten links) gleich ein neues Programm »mit echtem Klimaschutz« in der Logistik fordert. Dass das Werk atmen soll und durchaus verändert werden kann, das betont der verantwortliche Staatssekretär beim Verkehrsminister Steffen Bilger. »Dieses Innovationsprogramm ist ein lebendes Werk«. So soll eine neu einzurichtende Innovationskommission unter seiner Leitung das Programm in Zukunft in kurzen Intervallen weiterentwickeln.

Nutzfahrzeuge mit E-Antrieb

Doch was steht im Programm? Zum Thema Güterverkehr skizziert das Ministerium einen Straßengüterverkehr im Jahr 2030, in dem »Nutzfahrzeuge mit elektrischen Antrieben bei den Neuzulassungen deutlich in der Mehrheit« sind. Emissionsfreie Modelle mit Batterie- und Brennstoffzellenantrieb seien weit verbreitet. Auch das umstrittene Thema Oberleitungs-Lkw wird erwähnt. Grundsätzlich fehlt es dem Innovationsprogramm an Details und Konkretem. Das könne so ein Programm aber auch gar nicht leisten, darauf verweist Jochen Quick: »Das Programm ist schlagwortgetrieben und kann natürlich auch aus Platzgründen nur an der Oberfläche kratzen. Es führt sehr gut die allgemeinen Notwendigkeiten für die Zukunft der Logistik insbesondere im Digitalbereich auf und stellt die Anforderung zur Veränderung besonders durch den Klimawandel und die Digitalisierung dar.« Allerdings bemängelt auch er: »Die Betrachtung der jeweiligen Verkehrsträger kommt mir in manchen Passagen zu kurz, ist aber wohl dem mangelnden Platz geschuldet.«

Von KI bis Citylogistik: Maßnahmen des Innovationsprogramms

- Unterstützung des Einsatzes von KI im Rahmen von Forschung und Entwicklung

- Blockchain-Strategie zur Erprobung der Technologie

- Unterstützung von Plattformen und gemeinsamen Standards in der Logistik

·- Weiterentwicklung von Plattformen für Mobilitätsdaten

·- Förderprogramm für CO2-arme Lkw wird verstetigt und bei Bedarf aufgestockt

·- Anreize für Lkw durch CO2-gespreizte Lkw-Maut

- Förderung des Markthochlaufs für die Produktion von bio- und strombasierten Kraftstoffen

- Ausweitung der Fördermaßnahmen für alternative Antriebe wie Brennstoffzelle

- Aufbau einer Ladeinfrastruktur soll gezielt gefördert werden

- Einsatz von AGV in Logistikanlagen soll unterstützt werden

- Stärkung des Einsatzes elektrischer Nutzfahrzeuge auf der letzten Meile

- Nutzung von ÖPNV-Fahrzeugen und Bahnhöfen für den Güterverkehr

Die Grünen und Umweltverbände kritisieren, dass »Verkehrswende« und die Schiene nicht ausreichend berücksichtigt werden. Jochen Quick sieht hingegen den Lkw benachteiligt: »Die Verkehrsträger sind nicht ausgewogen vertreten. Der Lkw als Hauptträger des Güterverkehrs soll nur als Innovationsobjekt weiterentwickelt werden. Das ist zu wenig für so ein Programm!« Kritik kommt auch vom Radlogistik Verband Deutschland. Zwar erwähne das Programm das Potenzial der Radlogistik explizit und wolle Mikro-Depots fördern. Allerdings fehlten konkrete Fördermaßnahmen für E-Lastenräder, wie sie zum Beispiel für autonomes Fahren und Drohnen vorgesehen seien.

Bauen und Umweltschutz

BWVL-Chef Quick verweist auf Nachfrage von »logistik journal« außerdem auf den Konflikt zwischen Umweltschutz und Baurecht. »Die Anzahl der baubehindernden Vorschriften steigt immer schneller und bald ist die Unfähigkeit zu bauen erreicht. Hier wäre es eine echte Innovation, die Planung und Genehmigung von Infrastruktur komplett neu aufzusetzen und auf das Notwendige zu reduzieren.« Natürlich müsse dabei der Umweltschutz gebührend berücksichtigt werden. »Aber wenn das Vorhaben laufend in Planungsverfahren aktualisiert betrachtet und juristisch angreifbar ist, erreicht man seine Ziele nicht.« Das ist laut Quick nicht nur ein Problem des Lkw, sondern auch der Bahn. »Die Schieneninfrastruktur muss und sollte ebenfalls deutlich ausgebaut werden, um mehr Marktanteile im Güterverkehr für den Klimaschutz zu erreichen.«

Interview mit Grünen-Politiker Matthias Gastel: »Für echten Klimaschutz brauchen wir ein neues Programm«

Herr Gastel, was halten Sie vom Innovationsprogramm? Was ist gut, was nicht?

Das »Innovationsprogramm Logistik 2030« des Bundesverkehrsministeriums ist kein großer Wurf. Darin finden sich viele altbekannte Forderungen, wie beispielsweise mehr Verkehr auf die Schiene verlagert werden kann. Wir haben hier kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Das größte Manko ist, dass die Bundesregierung sich bei der Verkehrsverlagerung erneut darum drückt, konkrete und messbare Ziele und die dazugehörigen Maßnahmen zu definieren. Denn auf die Verknüpfung von Zielen und Maßnahmen kommt es an. Wir brauchen konkrete Ziele und eine Zeitschiene, bis wann diese erreicht werden sollen. Nur dann können die entsprechenden Maßnahmen und Investitionen zur Stärkung der Schiene auf die Ziele abgestimmt werden.

Sind die Verkehrsträger im Programm ausgewogen vertreten?

Nein. Zwar beschäftigt sich das Innovationsprogramm Logistik 2030 mit allen Verkehrsträgern. Allerdings wird im Großen und Ganzen der Status quo fortgeschrieben. Das Wort »Verkehrswende« wird nicht einmal erwähnt, geschweige durchdekliniert, was dies im Bereich Güterverkehr und Logistik bedeuten würde. Das Prinzip des Vermeidens, Verlagerns und Verbesserns wird allenfalls punktuell erwähnt. Die Potenziale der Schiene werden nur allgemein beschrieben, ohne dass klar wird, wie Verkehrsverlagerung konkret umgesetzt werden soll. Für uns steht fest: Klimaschutz im Bereich Güterverkehr und Logistik wird nur mit massiven Investitionen in die Schiene und neue multimodale Angebote gehen. Infrastrukturseitig muss das Schienennetz nach den Belangen des Güterverkehrs ausgebaut werden und wir brauchen neue Zugangsstellen für den Güterverkehr – also mehr Gleisanschlüsse, neue Terminals für den Kombinierten Verkehr und Railports.

Würde ein grüner Verkehrsminister die Maßnahmen und das Programm fortschreiben?

Grüne würden sich dafür einsetzen, dass echter Klimaschutz in der Logistik mit Zielen und darauf abgestimmten Maßnahmen umgesetzt wird. Dafür brauchen wir ein neues Programm. Entscheidend ist für mich, dass wir einen Systemwechsel einleiten müssen, um die Klimaziele zu erreichen. Umweltschädliche Subventionen müssen abgebaut, umweltfreundliche Verkehrsträger viel stärker gefördert werden, damit wir einen fairen Wettbewerb haben. Nur so kann die Logistik klimafreundlicher werden und kann ihre wichtige Rolle weiter ausspielen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2019
Seite: 5 bis 21