Kaum ein Prozess in der Intralogistik hängt so sehr von Kleinigkeiten ab, wie die Etikettierung von Paletten, Kartons und Ladungsträgern. Ein schiefes oder schlecht lesbares Etikett kann einer ganzen Kommissionierkette den Garaus machen. Wer wissen will, welche Standards für die Kennzeichnung im Warenverkehr gelten und worauf es in der Praxis ankommt, findet in den Regelwerken von GS1 und VDI klare Vorgaben.
Der GS1-128-Standard als Grundlage der Transportkennzeichnung
Für die Kennzeichnung von Kartons, Gebinden und Paletten hat sich der GS1-128-Barcode als internationaler Logistikstandard etabliert. Er basiert auf dem Code 128 und nutzt sogenannte Anwendungskennungen, kurz AIs (Application Identifiers), um strukturierte Daten wie den Serial Shipping Container Code, kurz SSCC, die Global Trade Item Number (GTIN) sowie Chargen- und Verfallsdaten in einem einzigen Barcode zu bündeln. Jede Angabe wird dabei als sogenannter Elementstring kodiert, der aus der Anwendungskennung und dem zugehörigen Wert besteht. Das GS1-Transportetikett gliedert sich laut GS1 Germany in drei Segmente: ein Kopfsegment mit frei formatierbaren Informationen, etwa zu Absender und Empfänger, ein Mittelsegment mit der klarschriftlichen Wiedergabe der im Barcode verschlüsselten Daten und ein Fußsegment mit den Kerninformationen im Barcode inklusive Klarschriftzeile.
Für Unternehmen, die diese Vorgaben in der Praxis umsetzen müssen, ist die technische Ausstattung entscheidend. Wer selbst Etiketten drucken lassen möchte, sollte vorab klären, ob Materialbeschaffenheit, Druckauflösung und Barcodequalität den GS1-Spezifikationen entsprechen, da minderwertige Drucke die Scanrate in der Praxis messbar senken.
Platzierung und Materialanforderungen nach GS1-Vorgaben
Die reine Datenstruktur ist nur ein Teil der Anforderung. Ebenso relevant ist die physische Anbringung. GS1 Germany hat dazu eine Checkliste veröffentlicht, die in der Praxis als Referenz dient. Dazu zählen eingehaltene seitliche Abstände und Bodenabstände, ein glattes Anbringen auf der Oberfläche des Versandstücks, nicht unter der Schrumpffolie, eine ausreichende Barcodehöhe von mindestens 31,75 Millimetern sowie mindestens ein Etikett auf einer Seite des Packstücks, idealerweise auf zwei Seiten, wobei pro Seite nur ein Transportetikett angebracht werden soll. Für Paletten konkretisieren die allgemeinen GS1-Spezifikationen diese Abstände: Die Barcodes sollen zwischen 400 und 800 Millimetern über der Standfläche und mindestens 50 Millimeter von jeder senkrechten Kante entfernt sitzen, empfohlen sind zwei identische Etiketten auf zwei angrenzenden Seiten.
Für Mehrwegladungsträger existiert mit der Richtlinie VDI/GS1 4489 Blatt 1 ein eigenes technisches Regelwerk. Sie behandelt die Kennzeichnung von Mehrwegholzpaletten des Euromaßes 800 mal 1200 Millimeter mit Auto-ID-Elementen und beschreibt Methoden und Anbringungsorte für optische und/oder funkbasierte Datenträger, also Barcodes oder RFID-Transponder, die direkt an der Palette selbst angebracht werden. Ziel ist, dass die Kennzeichnung unternehmensübergreifend mit den eingesetzten Identifikationssystemen kompatibel bleibt. Das ist besonders für Lagerbetreiber relevant, die Paletten mit wechselnden Handelspartnern tauschen und die Ladungsträger über Unternehmensgrenzen hinweg automatisch erfassen wollen.
Von der Barcode- zur RFID-Kennzeichnung
Neben klassischen 1D-Barcodes gewinnen Identifikationssysteme mit Funktechnik an Bedeutung. Einen grundlegenden Überblick liefert die VDI-Richtlinie 4416 aus dem Jahr 1998. Sie gibt eine erklärende Übersicht über Identifikationssysteme und deren Schnittstellen zur Betriebsdatenerfassung. Speziell für RFID existiert die Richtlinienreihe VDI 4472 zu den Anforderungen an Transpondersysteme in der Supply Chain. Deren Blatt 10, herausgegeben gemeinsam mit dem Branchenverband AIM, beschreibt Testverfahren zur Überprüfung der Leistungsfähigkeit von RFID-Systemen. Für Lagerbetreiber bedeutet das, dass die Wahl zwischen Barcode und RFID nicht allein eine Kostenfrage ist, sondern auch von Lesereichweite, Materialumgebung und vorhandener Scannerinfrastruktur abhängt.
Auswirkungen auf Kommissionierung und Rückverfolgbarkeit
Ein durchgängig genutztes GS1-128-Etikett ermöglicht, dass eine Palette vom Wareneingang bis zum Warenausgang mit derselben SSCC verfolgt werden kann, solange die Versandeinheit nicht aufgelöst oder neu zusammengestellt wird. Bricht diese Kette durch ein unleserliches oder falsch platziertes Etikett ab, sind manuelle Nacherfassungen die Folge, die Fehlerquoten in der Kommissionierung erhöhen und im Rückruffall die Chargenrückverfolgung erschweren.
Betriebe, die ihre Kennzeichnungsprozesse überprüfen, sollten deshalb drei Punkte gegeneinander abgleichen: die verwendete Barcode- oder RFID-Technologie, die Einhaltung der GS1- und VDI-Platzierungsvorgaben sowie die Druckqualität des eingesetzten Etikettenmaterials. Eine regelmäßige Stichprobenprüfung der Scanrate am Wareneingang liefert dabei belastbare Kennzahlen, um Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und die Materialauswahl gezielt anzupassen.
Quellen
• GS1 Germany: Quick Guide GS1 Transportetikett (2016): https://www.gs1-germany.de/fileadmin/gs1/basis_informationen/quick_guide_gs1_transportetikett.pdf
• GS1 Austria: Allgemeine GS1 Spezifikationen – Transportetiketten, Version 23 (2023): https://www.gs1.at/sites/default/files/2023-04/Allgemeine-GS1-Spezifikationen-Transportetiketten.pdf
• GS1 Germany: Strichcodequalität – So erreichen Sie die optimale Qualität: https://www.gs1-germany.de/fileadmin/gs1/basis_informationen/strichcodequalitaet.pdf
• DIN Media: VDI/GS1 4489 Blatt 1:2017-10 – Kennzeichnung von Paletten mit Auto-ID-Elementen: https://www.dinmedia.de/de/technische-regel/vdi-gs1-4489-blatt-1/269122133
• DIN Media: VDI 4416:1998-11 – Betriebsdatenerfassung und Identifikation – Identifikationssysteme: https://www.dinmedia.de/de/technische-regel/vdi-4416/9971751
• VDI: VDI/AIM 4472 Blatt 10 – Testverfahren zur Überprüfung der Leistungsfähigkeit von Transpondersystemen (RFID): https://www.vdi.de/richtlinien/details/vdiaim-4472-blatt-10-anforderungen-an-transpondersysteme-zum-einsatz-in-der-supply-chain-testverfahren-zur-ueberpruefung-der-leistungsfaehigkeit-von-transpondersystemen-rfid
